Übungen zum 10. Kapitel


Übung 1

Bestimmen Sie für jeden der unten aufgelisteten Sätze, wie viele Lesarten er hat, welche der im Text besprochenen Ambiguitäten er enthält (lexikalische, Anbindungs- oder Nominativ/Akkusativ-Ambiguität oder eine Ambiguität der syntaktischen Kategorie) und ob der Satz lokal oder global ambig ist (Satzzeichen und Großschreibung wurden eingespart, weil sie helfen würden zu disambiguieren):

  • 1. die ministerin will dass freier von zwangsprostituierten bestraft werden
  • 2. dass der freund von bella träumt ärgert sie
  • 3. wir wollen feste feiern
  • 4. das schaf verletzt das mädchen mit dem messer
  • 5. in meinem leben habe ich selbst tote fliegen gesehen

Lösung zu Übung 1

In dieser Übung sollten die folgenden Sätze daraufhin analysiert werden, wie viele Lesarten jeder Satz hat und welche Arten von Ambiguitäten dabei vorliegen.

  • 1. die ministerin will dass freier von zwangsprostituierten bestraft werden
  • 2. dass der freund von bella träumt ärgert sie 
  • 3. wir wollen feste feiern
  • 4. das schaf verletzt das mädchen mit dem messer
  • 5. in meinem leben habe ich selbst tote fliegen gesehen

 

Die Ergebnisse sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst:

 

 

Satzbeispiel (1) hat drei Lesarten. Der Satz soll wohl bedeuten, dass diejenigen, die bestraft werden sollen, die Freier von Zwangsprostituierten sind. Erlaubt ist aber auch die Lesart, dass es Zwangsprostituierte sind, die die Bestrafung der Freier ausführen sollen. Diese Zweideutigkeit besteht global. Eine lokale Ambiguität der syntaktischen Kategorie bezüglich des Wortes „freier“ besteht bis zum Wort „Zwangsprostituierten“, weil es auch heißen könnte „... dass freier von Zwangsprostituierten gesprochen wird.“

 

Satzbeispiel (2) hat 2 × 4 = 8 Lesarten, die mehr oder weniger wahrscheinlich sind. Zunächst einmal lässt der Satz offen, ob es Bellas Freund ist, der von irgendetwas träumt, oder ob es der Freund einer beliebigen anderen Person ist, der von einer Frau namens Bella träumt. Zudem bleibt offen, wer sich ärgert, das heißt, auf wen sich das Wort „sie“ bezieht: „sie“ im Singular (es ärgert sich Bella oder eine andere, ungenannte Person) oder „sie“ im Plural (es ärgern sich zum Beispiel Bella und der Freund oder ganz andere Personen).

 

Satzbeispiel (3) erlaubt zwei gängige und eine (wenig sinnvolle) dritte Lesart: „feste feiern“ (Adverb + Verb) im Sinne von ausgiebig feiern, „Feste feiern“ (Substantiv + Verb) oder „feste Feiern“ (Adjektiv + Substantiv) im Sinne von harte/massive/... Feiern.

 

In Satzbeispiel (4) sind zwei Ambiguitäten gekreuzt, weshalb sich 2 × 2 = 4 Lesarten ergeben: Das Schaf kann Subjekt sein (also derjenige, der die Verletzung zufügt) oder Objekt (dem die Verletzung zugefügt wird). Unabhängig davon kann „mit dem Messer“ instrumental gelesen werden (als das Werkzeug, mit dem die Verletzung zugefügt wird) oder attributiv (als eine Eigenschaft des Mädchens).

 

Auch in Satzbeispiel (5) sind zwei Ambiguitäten gekreuzt, weshalb sich erneut 2 × 2 = 4 Lesarten ergeben. So bleibt zum einen offen, ob es „tote Fliegen“ waren, die gesehen wurden, was wenig spektakulär erscheint, oder ob man gesehen hat, wie „Tote fliegen“, was durchaus einer Erwähnung wert wäre. Zum anderen kann „selbst“ sich entweder auf „ich“ beziehen („ich selbst habe etwas gesehen“) oder auf den letzten Teil der Äußerung im Sinne von „sogar“ („selbst/sogar tote Fliegen habe ich gesehen“ bzw. „selbst/sogar Tote habe ich fliegen gesehen“).

 

 



Übung 2

Lesen Sie den folgenden Satz und beantworten Sie spontan die daran anschließende Frage: „Die Studentin fluchte über den Satz in dem Text, der ihr so viel Mühe bereitete.“ – Was bereitete ihr Mühe? Wie Sie sicher bemerkt haben, kann der Relativsatz unterschiedlich angebunden werden. Wo würde er nach dem Prinzip der späten Schließung angebunden, wo nach dem der frühen Schließung? Und ähnelt Ihre eigene Präferenz eher der im Englischen oder der im Spanischen?


Lösung zu Übung 2

In der Aussage „Die Studentin fluchte über den Satz1 in dem Text2, der ihr so viel Mühe bereitete“ kann der Relativsatz an zwei Stellen angebunden werden: entweder an „Satz“ (1) oder an „Text“ (2). Die Anbindung an (2) folgt dem Prinzip der späten Schließung, das im Englischen dominiert (und möglicherweise auch im Deutschen; vgl. Konieczny et al., 1997). Die Anbindung an (1) folgt dem komplementären Prinzip der frühen Schließung, das im Holländischen oder im Spanischen bevorzugt wird (Brysbaert & Mitchell, 1996; Cuetos & Mitchell, 1988).

 

Literatur

Brysbaert, M. & Mitchell, D. C. (1996). Modifier attachment in sentence parsing: Evidence from Dutch. Quarterly Journal of Experimental Psychology, 49A, 664–695.

Cuetos, F. & Mitchell, D. C. (1988). Cross-linguistic differences in parsing: Restrictions on the use of the late closure strategy in Spanish. Cognition, 30, 73–105.

Konieczny, L., Hemforth, B., Scheepers, C. & Strube, G. (1997). The role of lexical heads in parsing: Evidence from German. Language and Cognitive Processes, 12, 307–348.



Übung 3

In Satz (27) auf Seite 224 wird auf Jerry mit zwei alternativen Formulierungen Bezug genommen. Welche sind es, und um welche Art der Referenzierung handelt es sich dabei? Aus welchen Informationen kann man dies erschließen? Wo entsteht bei der Referenzierung ein Problem?


Lösung zu Übung 3

In Satzbeispiel (27) (im Buch auf Seite 224) wird dreimal auf Jerry Bezug genommen:

  • Jerry ist wütend. Die braune Maus liebt Käse, und obwohl er ihn hasst, hat Tom ihn gestohlen.
  • Deshalb jagt sie ihn nun durchs ganze Haus.

 

Gefragt war nach der Art der Referenzierung, die dabei erfolgt.

 

Als Name kommt Jerry nur im ersten Satz vor. In den beiden anderen Sätzen wird mit „die braune Maus“ und „sie“ auf Jerry Bezug genommen. In beiden Fällen handelt es sich um anaphorische Referenzen, weil das Bezugswort („Jerry“) zuvor bereits genannt wurde.

 

Wer Jerry kennt, weiß, dass er eine braune Maus ist, und weil „Maus“ grammatisch feminin ist, kann im dritten Satz mit „sie“ darauf referenziert werden. Gleichzeitig ist Jerry als Person männlich, weshalb auch mit „er“ auf ihn referenziert werden könnte. Im mittleren Teil des zweiten Satzes („obwohl er ihn hasst“) kann das dazu führen, dass „er“ oder „ihn“ fälschlicherweise auf Jerry bezogen wird.

 

Wer Jerry nicht kennt, kann „sie“ im dritten Satz dennoch als Referenz auf die braune Maus Jerry aus dem Kontext der drei Sätze erschließen, und zwar anhand seines Weltwissens: Wem etwas gestohlen wurde, das er liebt (-> Satz 2), wird vermutlich wütend werden (-> Satz 1) und den Dieb jagen (-> Satz 3).



 

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