Allgemeine Psychologie - Denken und Sprache

Übungen zum 12. Kapitel


Übung 1

Der Linguist Anthony Woodbury, ein Fachmann für Eskimosprachen, hat eine Liste von Begriffen zusammengestellt (1991), die als Eskimowörter für „Schnee“ in Frage kommen könnten, sowie zum Vergleich eine Sammlung englischer Begriffe: avalanche, blizzard, blowing snow, dusting, flurry, frost, hail, hardpack, ice lens, igloo, powder, sleet, slushsnow, snow bank, snow cornice, snow fort, snow house, snow man, snow-mixed-with-rain, snowflake und snowstorm. Welche dieser Wörter würden Sie berücksichtigen, wenn Sie englische Wörter für Schnee zählen sollten? Und auf welche Kriterien achten Sie dabei?


Lösung zu Übung 1

Was man als Wort für Schnee gelten lässt, ist immer eine Frage der Definition. Woodbury selbst gibt keine Antwort darauf, sondern überlässt es den Lesern (und deshalb stellen auch wir keine Musterlösung vor). Allerdings liefert Woodbury Denkanstöße: Was machen Sie mit Synonymen – werden die gemeinsam oder separat gezählt? Wie verfahren Sie mit einem Substantiv-Verb-Paar, das den gleichen Wortstamm hat (wie the snow und to snow bzw. im Deutschen Schnee und schneien)? Und ganz grundsätzlich: Würden Sie alle diese Begriffe inhaltlich für „Schnee“ gelten lassen? Manche beziehen sich auf Ereignisse, andere auf Zustände, manche spezifizieren Schnee genauer und wieder andere sind nur lose damit verwandt.



Übung 2

Wie auf Seite 256 bereits angedeutet, ist der englische Begriff mind nur schwer und ungenau ins Deutsche zu übersetzen, aber er ist nicht das einzige Beispiel für Übersetzungsschwierigkeiten. Versuchen Sie es einmal mit den Emotionen Angst, Ärger, Freude, Sorge und Zorn – wie werden diese ins Englische übersetzt? Kann man die englischen Begriffe eindeutig ins Deutsche zurückübersetzen? Worin genau unterscheiden sich die verschiedenen Übersetzungsvarianten für ein und denselben Begriff? In welcher Situation würden Sie welche Variante verwenden? Und worauf deuten die Unterschiede hin?


Lösung zu Übung 2

Ziel dieser Aufgabe ist es, aus Übersetzungen von Begriffen in eine Fremdsprache etwas über deren Bedeutungsvielfalt zu lernen. Konkret ging es in dem gewählten Beispiel um die Emotionen Angst, Ärger, Freude, Sorge und Zorn. Schon ein mittelgroßes Wörterbuch (wie der Langenscheidt mit 83.000 Stichwörtern) liefert für jede der genannten Emotionen mehrere Übersetzungsmöglichkeiten:

  1. Angst:                  anxiety, fear, fright, dread, terror; afraid, scared
  2. Ärger:                   vexation, annoyance, chagrin, anger; irritated
  3. Freude:                 joy, gladness, delight, pleasure
  4. Sorge:                   care, sorrow, uneasiness, anxiety; alarm
  5. Zorn:                     anger, wrath, rage; furious
     

Wenn Sie die Begriffe rückübersetzen, stellen Sie fest, dass sich bei einigen die Bedeutungen überlappen: So kann anger „Ärger“ oder „Zorn“ bedeuten, anxiety „Sorge“ oder „Angst“. In beiden Fällen drückt der englische Begriff offenbar einen Grad an Intensität aus, der zwischen dem der beiden deutschen Begriffe liegt; umgekehrt liegt „Zorn“ irgendwo zwischen anger und rage (s. Durst, 2001). Das deutet darauf hin, dass Sprecher des Deutschen und Englischen die Intensität bestimmter Gefühle sprachlich verschieden abstufen. Solche Hin- und Rückübersetzungen sind übrigens die Methode der Wahl, wenn sprachliches Material für kulturvergleichende Untersuchungen vorbereitet werden muss. Man versucht auf diese Weise, das Problem der unterschiedlichen Bedeutungsfelder von Begriffen zumindest zu minimieren, wenn man es prinzipiell auch nicht lösen kann.

 

Literatur

Durst, U. (2001). Why Germans don’t feel “anger”. In J. Harkins & A. Wierzbicka (Eds.), Emotions in crosslinguistic perspective (pp. 115–148). Berlin: Mouton de Gruyter.



Übung 3

Nehmen Sie an, Sie sprächen eine Sprache, die keine Wörter für „rechts/links“ und „vorne/hinten“ besitzt. Welche Konsequenzen hätte das für Ihren Alltag? Und wie könnte es sich auf psychologische Prozesse des Denkens und der Sprache auswirken?


Lösung zu Übung 3

Wenn Sie keine Wörter für „rechts/links“ und „vorne/hinten“ zur Verfügung haben, mit denen Sie Objekte zum Beispiel relativ zu ihrer eigenen Körperausrichtung lokalisieren können, dann müssen Sie für räumliche Beschreibungen ein anderes Referenzierungssystem verwenden, zum Beispiel ein absolutes. So könnten Sie sagen: „die Tasse südlich der Kanne“. Das erfordert allerdings auch, dass Sie zu jeder Zeit wissen, wo Süden ist. Übrigens: Solche Sprachen gibt es tatsächlich, zum Beispiel bei den Guugu Yimithirr, einer Aborigines-Gruppe in Nord-Queensland (Australien). Die Art und Weise, wie Personen räumliche Referenzierungen mithilfe ihres sprachlichen Inventars vornehmen können (oder müssen) – relativ oder absolut –, hat vielerlei kognitive Auswirkungen: auf die Lenkung der Aufmerksamkeit, auf die Orientierung und Positionsbestimmung bei räumlichen Aufgaben, auf die Memorierung und Erinnerung an räumliche Konstellationen und auch auf die Gestik, die die Beschreibung räumlicher Sachverhalte begleitet. Einen Überblick dazu und zu den kognitiven Konsequenzen finden Sie beispielsweise in Levinson (2003) und Majid et al. (2004).

Literatur

Levinson, S. C. (2003). Space in language and cognition: Explorations in cognitive diversity. Cambridge: Cambridge University Press.

Majid, A., Bowerman, M., Kita, S., Haun, D. B. M. & Levinson, S. C. (2004). Can language restructure cognition? The case for space. Trends in Cognitive Sciences, 8, 108–114.



Übung 4

Während sich in Deutschland für Personenbezeichnungen zunehmend auch explizit feminine Begriffe einbürgern (wie „die Schreinerin“), ist in Schweden der gegenläufige Trend zu beobachten (Jobin, 2004; Nübling, 2000). Welche Variante würden Sie bevorzugen? Und warum?


Lösung zu Übung 4

Zu dieser Übung gibt es keine objektive Lösung – was hier zählt, ist Ihre Meinung!



 

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