Allgemeine Psychologie - Denken und Sprache

Übungen zum 6. Kapitel


Übung 1

Jemand sagt: „Das Gehirn ist wie ein Computer.“ Arbeiten Sie für diese Metapher heraus, (a) worin Ähnlichkeiten zwischen Quelle und Ziel bestehen und (b) wo Grenzen der Analogie liegen, welche Aspekte also nicht korrespondieren.


Lösung zu Übung 1

Metaphern sind wichtige Werkzeuge des Denkens und Kommunizierens. Man weist dabei mit einer Analogie auf Ähnlichkeiten zwischen zwei ansonsten verschiedenen Gegenständen hin. Die Metapher „Das Gehirn ist wie ein Computer“ lässt sich auf zwei Ebenen interpretieren: auf der Hardware-Ebene und der Software-Ebene.

 

a) Auf der Hardware-Ebene ist das menschliche Gehirn einem Computer durchaus in einigen Aspekten ähnlich: Beispielsweise arbeiten beide Systeme mit elektrischer Informationsübertragung. Beide nutzen unterschiedlich dauerhafte Speichersysteme. Beim Computer sind dies Festplatte, Arbeitsspeicher und Prozessor, beim Gehirn entsprechend Langzeitgedächtnis, Arbeitsgedächtnis und zentrale Exekutive. Beide haben Module für spezielle Aufgaben wie die Graphik-Karte beziehungsweise das visuelle System für die Verarbeitung bildhafter Information. Beide haben Systeme, die sie mit der Außenwelt verbinden: Sensoren, Kameras, Tastaturen und Greifarme beziehungsweise Sinnesorgane für die Wahrnehmung und Gliedmaßen für die Bewegung. Und schließlich kennen beide einen „Ruhezustand“, den Stand-by-Modus beziehungsweise den Schlaf. Auf der Software-Ebene lassen sich ebenfalls Ähnlichkeiten ausmachen: In beiden Fällen kann man Informationsverarbeitung (Berechnung vs. Denken) verstehen als Zusammenspiel von Repräsentationen (Datenstrukturen vs. Wissensstrukturen) und Verarbeitungsmechanismen für diese Repräsentationen (Algorithmen vs. mentale Prozeduren). Der Zugriff auf Speicherelemente entspricht dabei dem Gedächtnisabruf, die Veränderung von Programm- oder Speicherelementen den Ergebnissen von Lernprozessen. Es ist genau diese Ebene, die die Computer-Analogie zu einer zentralen und fruchtbaren Hypothese der Kognitionswissenschaft machte (s. Thagard, 1996).

 

b) Natürlich gibt es auch jede Menge Unterschiede zwischen einem Gehirn und einem Computer: Zum Beispiel besteht die Computerhardware aus Transistoren und anderen elektrotechnischen Schaltelementen, das Gehirn jedoch aus einem biochemischen neuronalen Netz. Im Computer erfolgt die Informationsübertragung zum heutigen Zeitpunkt noch ausschließlich elektrisch, im Gehirn gibt es dagegen auch Informationsübertragung mittels chemischer Botenstoffe (z. B. Neurotransmitter). Und schließlich kann man Computer beliebig an- und ausschalten, das Gehirn aber nicht. Und auch auf der Software-Ebene gibt es fundamentale Unterschiede, beispielsweise darin, wie Information repräsentiert wird (bitweise als duale Zahlenfolge vs. als Zustände des neuronalen Netzes), oder darin, wie die Algorithmen erworben werden (Programmierung vs. autonome Lernprozesse).

 

Literatur

Thagard, P. (1996). Mind: Introduction to cognitive science. Cambridge, MA: The MIT Press. Darin Kapitel 1: Representation and computation



Übung 2

Sprichwörter und Redensarten wie etwa „Morgenstund hat Gold im Mund“ haben oft eine metaphorische Bedeutung. Sammeln Sie einige Sprichwörter und arbeiten Sie die Analogien heraus.

 


Lösung zu Übung 2

Die folgenden fünf Sprichwörter sind Beispiele für einen metaphorischen Sprachgebrauch in Redewendungen:

 

1. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

2. Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht.

3. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

4. Man soll das Eisen schmieden, solange es heiß ist.

5. Stille Wasser sind tief.

 

Die Sprichwörter nennen die Analogie-Quelle, das Ziel ist die übertragene Bedeutung.

 

1. Das erste Sprichwort bedeutet, dass ein Kind (Apfel) in einer Eigenschaft seinen Eltern oder zumindest einem Elternteil (Stamm) ähnlich ist (nicht weit entfernt).

2. Das zweite Sprichwort bedeutet, dass eine Handlung (der Krug) immer wieder ausgeführt wird (zum Brunnen geht), bis etwas schief geht (bis der Krug bricht).

3. Das dritte Sprichwort bedeutet, dass gleichgesinnte Personen (Krähen) zusammenhalten und sich nicht gegenseitig etwas Schlechtes antun (Augen aushacken).

 

4. Das vierte Sprichwort bedeutet, dass man eine Tätigkeit (das Eisen) anpacken (schmieden) soll, solange sie aktuell (heiß) ist.

 

5. Und das fünfte Sprichwort bedeutet, dass eine ruhige, zurückhaltende Person (stilles Wasser) dennoch verborgene und durchaus dunkle Qualitäten (Tiefe) offenbaren kann.

 



Übung 3

Die vier Schritte des analogiebasierten Problemlösens sind nicht bei allen Aufgaben gleich wichtig. Welche sind für die Lösung der Item-Analogie-Aufgaben von Seite 123 besonders wichtig?

 


Lösung zu Übung 3

Bei der Bildung und Nutzung von Analogien werden vier Schritte unterschieden: (1) Gedächtnisabruf, (2) Abbildung, (3) Bewertung und (4) Lernen. Je nach Aufgabe sind davon einzelne Schritte wichtiger als andere. Auch bei Item-Analogien sind nicht alle Schritte gleich wichtig.

 

Eine Item-Analogie ist wie eine Gleichung aufgebaut. Die linke Seite setzt zwei Begriffe zueinander in Beziehung. Auf der rechten Seite steht nur ein Begriff. Der zweite muss in Analogie zur linken Seite ergänzt werden:

  1. laut : leise = schnell : X
  2.  
  3. a) träge     b) rasch     c) langsam     d) gemächlich     e) stetig

 

Die Antwort lautet hier langsam (c) als Gegensatz zu schnell.

 

1) Die Aufgabe besteht darin, die Zielsituation auf der rechten Seite des Gleichheitszeichens (schnell : X) in Analogie zur linken Seite der Gleichung (laut : leise) zu ergänzen. Die Quellsituation für die Analogie ist damit gegeben; man muss sich an eine potenzielle Analogiequelle nicht erst erinnern. Schritt (1) ist damit nicht so wichtig.

 

2) Im Hinblick auf Schritt (2) gilt: Die Korrespondenz zwischen den Quellbegriffen und den Zielbegriffen ist ebenfalls gegeben: laut entspricht schnell, leise entspricht X. Was jedoch gefunden werden muss, ist eine strukturelle Beziehung zwischen laut und leise (eine Gegensatzrelation), die auf die Zielsituation schnell übertragen werden kann und das Lösungswort ergibt: langsam. Dies erfordert eine Suche im Gedächtnis. Hilfreich kann hierbei auch sein, von den potenziellen Lösungswörtern auszugehen und zu prüfen, welche Relationen sich daraus ableiten lassen.

 

3) Hat man eine mögliche Relation gefunden, so gilt es, die Antwort zu bestimmen. Dabei ist zu bewerten, ob die Lösung eindeutig ist, das heißt, auf welche Wörter die Relation passt und auf welche nicht. Hat man als Relation „Gegensatz“ gefunden, so kann man das Wort rasch ausscheiden, weil es eher ein Synonym zu schnell ist, und auch das Wort stetig, weil es mit Geschwindigkeit nichts zu tun hat. Entscheiden muss man sich zwischen den drei anderen Lösungswörtern: träge, langsam und gemächlich. Passt die gefundene Relation auf keines der Wörter, muss ein neuer Kandidat gesucht werden.

 

4) Lernen spielt bei Item-Analogien keine wichtige Rolle, da jede Aufgabe neu ist. Trotzdem findet Lernen statt: Manche Aufgaben mögen einem als Aufgabe im Gedächtnis bleiben, bei anderen beeinflusst die Lösung den Prozess der Lösungssuche bei anderen Aufgaben.



Übung 4

Ein Kind fragte Richard Roberts: „Wie bekommt der Körper aus der Nahrung, was er braucht?“ Der Nobelpreisträger für Medizin antwortete mit einer Analogie zum Lego-Spiel (Stiekel, 2001). Formulieren Sie mit dieser Analogie eine Erklärung für das Kind.

 


Lösung zu Übung 4

Ein Kind fragte Richard Roberts: „Wie bekommt der Körper aus der Nahrung, was er braucht?“ Roberts, der 1993 zusammen mit Philip Sharp den Medizin-Nobelpreis für die Entdeckung der diskontinuierlichen Gene bekam, erklärte das so (Stiekel, 2001, S. 50):

 

„Stell dir vor, du hast ein imposantes Gebäude aus Legosteinen und möchtest daraus etwas anderes bauen. Was tust du? Du zerlegst das Haus in einzelne Steine. Danach kannst du sie neu zusammensetzen, ganz wie du möchtest. Dasselbe geschieht im Körper. Fast alles, was Menschen essen, wird im Körper Schritt für Schritt kleiner gemacht. Zuerst durch die Zähne, dann durch chemische Reaktionen.“

 

Roberts bildet also eine Analogie. Ziel ist es, einem Kind den Stoffwechsel im menschlichen Körper verständlich zu machen. Roberts sucht als erstes eine passende Analogiequelle, von der er glaubt, dass Kinder sie kennen: Das Lego-Spiel. Dann stellt er Korrespondenzen her. Er verdeutlicht, welche Situationen beim Lego-Spiel welchen Stoffwechselvorgängen entsprechen: Das Lego-Haus entspricht der Nahrung, das neu zu bauende Objekt entspricht dem Aufbau neuer Stoffe im Körper und das Zerlegen des Lego-Hauses entspricht dem Zerkleinern der Nahrung. So entsteht Schritt für Schritt eine einfache Erklärung für einen komplexen Vorgang.

 

Literatur

Stiekel, B. (2001). Kinder fragen, Nobelpreisträger antworten. München: Wilhelm Heyne Verlag.



 

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