Allgemeine Psychologie – Denken und Sprache

Übungen zum 9. Kapitel


Übung 1

Sprache besteht aus abstrakten Symbolen und aus Regeln, nach denen die Symbole kombiniert werden. Ähnliches gilt für die Arithmetik in der Mathematik: Sie besteht ebenfalls aus Symbolen (wie den Ziffern 1, 2, 3 usw.) und aus Regeln, wie diese kombiniert werden können (z. B. 4 + 5 = 9). Welche von Hocketts Designkriterien gelten auch für dieses System? Wäre die Arithmetik auf dieser Grundlage als Sprache oder als Nichtsprache einzuordnen? Und erscheint Ihnen diese Einordnung gerechtfertigt?


Lösung zu Übung 1

In dieser Übung sollten Sie prüfen, ob die Arithmetik der Mathematik nach Hocketts Designkriterien (im Buch Tabelle 11, Seite 189) eine Sprache darstellt.

 

Wie sich bei den Gebärdensprachen schon gezeigt hat, wird das erste Kriterium (vocal-auditive channel) nicht allen menschlichen Sprachen gerecht und sollte deshalb auch nicht als Ausschlusskriterium für die Arithmetik gelten, die, ähnlich wie geschriebene Sprache, primär auf schriftlichen Symbolen basiert. Zudem lassen sich diese Symbole auch aussprechen und erfüllen insofern das erste Kriterium zumindest indirekt. Dies gilt in analoger Weise auch für die nächsten fünf Kriterien (broadcast transmission & directional reception, rapid fading, interchangeability, total feedback und specialization).

 

Die Kriterien (7) bis (12) sind alle erfüllt. Ziffern haben Bedeutung (semanticity), nämlich eine numerische Größe, und sie sind willkürlich gewählt (arbitrariness), wie der Vergleich arabischer und römischer Ziffern zeigt. Sie sind zudem diskret (discreteness) und situationsunabhängig (displacement) – einige von ihnen sind sogar buchstäblich irreal. Das System ist offen und produktiv (productivity), wie unter anderem die beständigen Fortschritte in der Mathematik belegen, und es ist auf kulturelle Vermittlung angewiesen (traditional transmission).

 

Lediglich das Kriterium (13) des dualen Aufbaus (duality of patterning) – bedeutungslose Elemente werden zu bedeutungstragenden Elementen zusammengesetzt – ist nicht gegeben, weil selbst die kleinsten Einheiten Bedeutung tragen. Wie stark Sie dies gewichten wollen, dürfen Sie selbst entscheiden.

 

Zumindest die übrigen Designkriterien sprechen also dafür, Arithmetik tatsächlich als Sprache gelten zu lassen. Für Disziplinen wie die Physik oder Informatik ist sie sogar eine sehr mächtige Sprache, die ihnen hilft, die Welt zu beschreiben oder Neues zu erzeugen.

 



Übung 2

(a) Zerlegen Sie den folgenden Satz mithilfe eines Phrasenstrukturbaums in seine Phrasen und Wörter und zusätzlich die Wörter in Morpheme: „Das Mäusekind mit den großen Ohren wackelte mit dem Schwanz.“ (b) Was ist bei dem Satz „Das Mäusekind lauschte der Mutter mit den großen Ohren“ im Vergleich zu dem Satz aus Teil (a) anders? Analysieren Sie dies mit Hilfe von Phrasenstrukturbäumen.


Lösung zu Übung 2

a) Der Phrasenstrukturbaum für den Satz „Das Mäusekind mit den großen Ohren wackelte mit dem Schwanz“ ist nachfolgend abgebildet. Er zeigt die Zerlegung des Satzes in Phrasen, Wortarten und Wörter. Die Morphemstruktur ist durch blaue Längsstriche in den Wörtern markiert.

 

 

b) Der Satz aus Aufgabe (a) hat eine eindeutige Phrasenstruktur. Für den zweiten Satz gilt dies nicht; er ist ambig. Man kann ihn auf zwei unterschiedliche Arten und Weisen verstehen: In der ersten Variante gehören die großen Ohren der Mutter (attributive Lesart), in der zweiten dem Mäusekind (instrumentelle Lesart). Dies drückt sich auch in unterschiedlichen Phrasenstrukturbäumen aus. Bei der attributiven Lesart sind die großen Ohren ein Attribut der Mutter:

 

 

Bei der instrumentellen Lesart wird mit den großen Ohren gelauscht:

 



Übung 3

Nachdem Personen den Satz gehört haben „Children who are slow eat bread that is cold“, fällt ihnen zu dem Wort „slow“ als erstes „children“ ein, nicht aber „bread“ (s. Seite 200). Zeigen Sie, woran dies liegt, indem Sie den Satz in seine Propositionen zerlegen und ein propositionales Netz bilden. Welches Wort sollten Personen nach dieser Analyse als erstes nennen, wenn man ihnen „bread“ vorgibt?


Lösung zu Übung 3

Der Satz „Children who are slow eat bread that is cold“ besteht aus drei Propositionen. Sie lauten:

  1. P1 = slow (children); P2 = eat (children, bread); P3 = cold (bread)

 

Das zugehörige propositionale Netz sieht wie folgt aus:

  

 

Gibt man slow vor, assoziieren Personen als erstes children, weil diese Begriffe in einer Proposition verbunden sind. Das Wort bread ist hingegen eine Verknüpfung weiter entfernt. Gibt man bread vor, assoziieren Personen bevorzugt cold, die Eigenschaft des Subjekts.

 



Übung 4

Um sprachliche Universalien identifizieren zu können, müssen viele verschiedene Sprachen verglichen werden. Zudem sollten sie verschiedenen Sprachfamilien angehören, also nicht miteinander verwandt sein. Für das Deutsche und Englische gilt dies gerade nicht, weshalb hier eher ein Blick auf Unterschiede lohnt. Versuchen Sie mindestens drei verschiedene grammatische Aspekte zu identifizieren, in denen sich das Deutsche und Englische unterscheiden.


Lösung zu Übung 3

Bedenkt man die vergleichsweise enge Verwandtschaft von Deutsch und Englisch, so überrascht, in wie vielen Aspekten sich beide Sprachen dennoch unterscheiden. Im Folgenden sind drei davon aufgelistet, mitsamt ihren Implikationen für die Existenz sprachlicher Universalien.

 

Die Wortstellung ist im Englischen strikter als im Deutschen, nämlich beinahe ausschließlich SVO. Im Deutschen gibt es weitaus mehr Abweichungen davon, etwa in Fragen (VSO: „Verstehst du mich?“), in Nebensätzen (SOV: „…, weil er sie nicht versteht“) oder wenn das Objekt betont werden soll (OVS: „Mich verstehst Du nicht!“). Dass die Wortstellung SVO deshalb keine Universalie sein kann, haben wir im Buch in Kapitel 9.3 (auf Seite 202) bereits besprochen.

 

Die freiere Wortstellung im Deutschen wiederum hängt damit zusammen, dass das Deutsche eine reichere Morphologie hat als das Englische, wo es bei Substantiven außer für den Plural und für den Genitiv keine separaten Formen gibt. Kasusmarkierungen können also ebenfalls nicht universell sein. Und tatsächlich gibt es eine Reihe von Sprachen, wie beispielsweise das Chinesische, die überhaupt kein Kasussystem besitzen, während andere Sprachen wie das Ungarische bis zu 18 und mehr Kasustypen unterscheiden.

 

Das Englische ist auch strikter, was die Verbzeiten (das Tempus) betrifft. Im Deutschen macht es kaum einen Unterschied, ob man Imperfekt oder Perfekt verwendet, wohl aber im Englischen. Obwohl es im Deutschen zwei Futurformen gibt, wird das Futur selten gebraucht. So ist es völlig in Ordnung zu sagen: „Nächste Woche fällt die Vorlesung aus“ (statt „wird … ausfallen“). Zudem gibt es nicht in allen Sprachen ein Futur. Die einzige Regelmäßigkeit, die sich dazu bisher formulieren ließ, ist die, dass eine Sprache, die über ein Futur verfügt, auch eine Vergangenheitsform hat, aber nicht notwendigerweise umgekehrt.

 

Weitere Unterschiede sind: Das Englische spezifiziert den Aspekt des Verbes – also ob die Aktivität vollendet ist oder nicht – durch die Verlaufsform (progressive oder einfach ing-Form), die es im Deutschen wiederum nur in einigen Dialekten gibt (Englisch: „he is walking“; Deutsch: „Er ist am laufen“), und es unterscheidet Adverbien morphologisch von Adjektiven (Englisch: „he walks slowly“, aber „he is slow“; Deutsch: „Er geht langsam“ und „er ist langsam“). Umgekehrt fehlt im Englischen das grammatische Genus-System, das im Deutschen alle Substantive in drei verschiedene Klassen (Maskulinum, Femininum und Neutrum) einteilt (dazu mehr in Kapitel 12)



 

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