Diagnostische Erhebungsverfahren

Fragen zum 5. Kapitel


Frage 1

Nennen Sie einige Besonderheiten, durch die sich diagnostische Erhebungsmethoden in der Klinischen Kinderpsychologie auszeichnen.


Antwort zu Frage 1

In der Klinischen Kinderpsychologie stellen aufgrund der Alterseinschränkungen in der Möglichkeit zum Selbsturteil die Aussagen von Bezugspersonen eine wichtige diagnostische Basis dar. Selbsturteile von Kindern können frühestens ab 8 Jahren, bei komplexeren Sachverhalten auch erst ab 10 Jahren zuverlässig gewonnen werden. Dabei sind der allgemeine Entwicklungsstand und die Lesefertigkeit von Kindern zu berücksichtigen. Selbsturteile von Kindern und Jugendlichen weichen oft erheblich von Fremdurteilen der Bezugspersonen (Eltern, Erzieher, Lehrkräfte) ab. Daher sollten Urteile aus möglichst verschiedenen unabhängigen Beurteilerperspektiven erhoben werden. Daten von Bezugspersonen gewinnen an Wert, wenn der Bekanntheitsgrad von Beurteiler und Zielperson hoch ist (wie bei Eltern, die die Entwicklung ihres Kindes sowie Stärken und Schwächen sehr genau kennen).

Selbst-, Eltern-, Erzieher- und Lehrerurteile in Ratingskalen dienen nicht der Diagnoseerstellung. Die Diagnoseerstellung nach ICD-10 oder DSM-5 basiert immer auf einem Expertenurteil (Kinder- und Jugendpsychiater oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut). Die Fragebogenerhebung stellt eine Ergänzung des klinischen Urteils dar.



Frage 2

Worin bestehen die Vorteile der Felddiagnostik?


Antwort zu Frage 2

Die klinisch-psychologische Diagnostik ist besonders anfällig gegenüber Verzerrungstendenzen. Dies gilt für Selbstberichte wie auch für Informationen, die in einem wirklichkeitsfremden Kontext (z.B. einer psychiatrischen Klinik oder im klinischen Labor) erhoben werden.

Der wesentliche Vorteil einer Felddiagnostik ergibt sich aus der Tatsache, dass ökologisch valide, also nicht durch die Reaktivität der „Labormessung“ verzerrte Informationen erhoben werden können. Bei „Felddiagnostik“ oder „Ambulatory Assessment“ wird das erhobene Verhalten und Erleben im natürlichen Umfeld einer Person (im Alltagssetting) sowie unmittelbar erfasst. Das bedeutet, dass zwischen der Datenregistrierung und dem tatsächlichen Geschehen nur eine minimale zeitliche Distanz liegt.



Frage 3

Welche Vorteile und Grenzen weisen Screeningverfahren auf?


Antwort zu Frage 3

Mit einem Screening verfolgt man das Ziel, ein Risiko für eine bestimmte Erkrankung frühzeitig zu erkennen. Gelingt es, in einer frühen und symptomfreien Phase eine körperliche Erkrankung, eine psychische Störung oder eine psychosoziale Belastung von Krankheitswert zu erkennen, kann man im Vorfeld des Ausbruches einer Krankheit oder Störung dieser gezielt entgegenwirken. Durch ein Screening  versucht ein Diagnostiker, das Risiko einer Person zu bewerten, wobei lediglich eine Ja-Nein-Entscheidung getroffen wird. Es kann also keine Diagnose gesichert werden. Wird ein Risiko entdeckt, ist der Diagnostiker aufgefordert, eine detailliertere Abklärung vorzunehmen und weitere diagnostische Schritte einzuleiten.

Screeningverfahren sind dann besonders sinnvoll, wenn zwischen den ersten Anzeichen und dem offenen Ausbruch einer Krankheit ein hinreichend langer Zeitraum liegt, also eine wirkliche Früher-kennung möglich ist. Eine Diagnose nützt darüber hinaus nur dann etwas, wenn man effektive Be-handlungs-  bzw. Präventionsangebote unterbreiten kann. Zudem sollte ein Screeningverfahren einfach und kostengünstig sein, da in der Praxis häufig Daten an großen Stichproben erhoben werden sollen.

Für ein Screening ist eine hohe Sensitivität zu fordern, um risikobelastete Betroffene in einem ausreichenden Maße zu finden. Aus diesem Grund kann man einen hohen Anteil falsch-positiver Befunde (= niedrige Spezifität) akzeptieren. Eine hohe Sensitivität ist vor allen Dingen dann wichtig, wenn es sich um eine ernsthafte Krankheit handelt, die nicht übersehen werden sollte und für die es auch angemessene erfolgreiche Behandlungsmöglichkeiten gibt.



Frage 4

Nennen Sie Merkmale und Beispiele für eine störungsübergreifende Diagnostik in der Klinischen Psychologie und Psychiatrie.


Antwort zu Frage 4

Man kann störungsübergreifende Skalen (also Breitbandverfahren) von störungsbezogenen Ansätzen unterscheiden. Die Verfahren können ein- oder mehrdimensional angelegt sein. Die mehrdimensionale Symptom-Checkliste SCL-90-S wird als störungsübergreifendes Verfahren klassifiziert. Sie kann als symptomübergreifendes Verfahren für Jugendliche (ab 16 Jahre) und Erwachsene eingesetzt werden. Die 90 Fragen lassen sich neun Skalen zuordnen: Aggressivität/Feindseligkeit, Ängstlichkeit, Depressivität, paranoides Denken, phobische Angst, Psychotizismus, Somatisierung, Unsicherheit im Sozialkontakt und Zwanghaftigkeit. Die SCL-90-S bildet damit mehrdimensional psychische Beschwerden ab.



Frage 5

Nennen Sie Merkmale und Beispiele für eine störungsspezifische Diagnostik in der Klinischen Psychologie und Psychiatrie.


Antwort zu Frage 5

Das Beck-Depressionsinventar II (BDI-II) stellt ein störungsspezifisches Verfahren dar, mit dem die Schwere einer Depression von Jugendlichen (ab 13 Jahre) und Erwachsenen beschrieben werden kann. Von den vier Aussagen, die pro Symptom vorgegeben werden, soll diejenige ausgewählt werden, die am besten beschreibt, wie sich eine Person in den vergangenen beiden Wochen gefühlt hat.



Frage 6

Welche Möglichkeiten zur Erhebung von Fremdurteilen bestehen?


Antwort zu Frage 6

Sind Patienten nicht ausreichend in der Lage, ihren psychischen Zustand zu beschreiben, können nur Ärzte, Pfleger und Angehörige des Patienten verwertbare Auskünfte erteilen. Generell stehen Fremdbeurteilungsverfahren verschiedene Informationsquellen zur Verfügung. So liefern Angehörige Informationen aus dem Alltag des Patienten, Ärzte und Psychotherapeuten sammeln Daten in einer weitgehend künstlichen Situation, d. h. sie befragen den Patienten oder beobachten sein Verhalten im Kontext einer Klinik oder Tagesklinik. Man kann also auf Fremdbeurteilungen von Experten (= klinisches Urteil) und von Bezugspersonen des Patienten aus dem näheren sozialen Umfeld zurückgreifen. Beide Informationsquellen ergänzen sich gut, besitzen jedoch innerhalb des diagnostischen Urteilprozesses einen unterschiedlichen Stellenwert.



Frage 7

Nennen Sie Ansätze der apparativen Diagnostik.


Antwort zu Frage 7

In verschiedenen Bereichen der Klinischen Psychologie können Daten durch technische Geräte erhoben werden. Es handelt sich dabei um physiologische Daten (wie Hautleitfähigkeit zur Angstdiagnostik), neuropsychologische Daten (wie Reaktionszeiten bei einem Aufmerksamkeitstest) oder generell eine computergestützte Diagnostik. Die apparative Diagnostik basierte ursprünglich auf dem Einsatz mechanischer Geräte, um bestimmte Funktionsbereiche wie visuelle und akustische Aufmerksamkeit oder Reaktionszeiten abzubilden.

Die apparategestützte psychologische Diagnostik kann durch den Einsatz von Geräten zur Reizdarbietung oder Reaktionserfassung sowie Reiz und Reaktion verknüpfenden Geräten erfolgen. Moderne computergestützte apparative Verfahren können den reiz- und reaktionsverknüpfenden Geräten zugeordnet werden.



Frage 8

Welche Möglichkeiten und Grenzen kennzeichnen Selbstbeurteilungsverfahren?


Antwort zu Frage 8

Über Selbstbeurteilungsverfahren können alle Erlebens- und Verhaltensbereiche des Menschen in umfassender Weise erhoben werden. Sie stellen eine zentrale Basis zur Bewertung von Therapieerfordernissen (Therapiewünsche) und Therapieerfolg in der Klinischen Psychologie und Psychiatrie dar. Ein geringer Erhebungsaufwand, hohe Durchführungs- und Auswertungsobjektivität und in der Regel zufriedenstellende bis gute interne Konsistenzen (Reliabilität) der Skalen stellen die Vorteile von Selbstbeurteilungsverfahren dar.

Selbsturteile unterliegen allerdings vielfältigen Verzerrungstendenzen, die von Erinnerungslücken, dem schambesetzten Umgang mit Ereignissen bis hin zur gezielten Fremd- und Selbsttäuschung reichen. Selbsturteile (Selbstberichte) stimmen daher häufig nicht mit den Informationen überein, die Bezugspersonen eines Patienten liefern. Selbstauskünfte der Betroffenen (Patienten) können bei einer Reihe von Problemstellungen oder psychischen Störungen zudem nur sehr vorsichtig interpretiert werden.



 

Ihr Suchergebnis leitet Sie auf die Website www.testzentrale.de.