Diagnostische Erhebungsverfahren

Fragen zum 9. Kapitel


Frage 1

Welche Aufgaben können Sachverständige in einem Strafprozess und im Strafvollzug übernehmen?


Antwort zu Frage 1

Zu den klassischen Aufgaben in der rechtspsychologischen Diagnostik gehört das Erstellen von Gerichtsgutachten. Die Aufgabe eines Sachverständigen besteht darin, auf Grundlage seiner Sachkunde und seiner Erfahrung Stellung zu Fragen zu nehmen, bei denen eine fachliche Expertise notwendig erscheint. Er wird dafür von Gerichten und Behörden beauftragt, falls dort kein ausreichendes Fachwissen besteht, um über die vorliegende Fragestellung zu entscheiden.

Bei der Gutachtertätigkeit handelt es sich jedoch um sehr heterogene Fragestellungen, einige Beispiele werden im Folgenden genannt:
•    Strafverfahren: Glaubwürdigkeitsgutachten zu Zeugenaussagen, Gutachten zur Schuldfähigkeit eines Täters oder der strafrechtlichen Verantwortlichkeit Jugendlicher,
•    Strafvollzug: Erstellen von Prognosen bei Fragen einer vorzeitigen Entlassung oder einer Sicherheitsverwahrung,
•    Zivilverfahren: Entzug der elterlichen Sorge, Umgang des Kindes mit den Eltern, Kindeswohlge-fährdung,
•    Sozialgerichtsverfahren: Begutachtung von Arbeits- und Erwerbsfähigkeit oder Berufsunfähigkeit,
•    weitere Themen: Untersuchungen der Fahreignung oder Eignung zur Benutzung einer Schusswaffe.

Aufgabenbereiche eines Sachverständigen liegen in unterschiedlichem Umfang im Feststellen (unterstützende Funktion) und Beurteilen (auf der Basis der Sachkunde) von Tatsachen und im Mitteilen von Erfahrungssätzen (aus dem speziellen Fachgebiet des Gutachters als Entscheidungsgrundlage).



Frage 2

Welche diagnostischen Schritte sind bei Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung nötig?


Antwort zu Frage 2

Die Diagnostik im Rahmen des Verdachts auf Kindeswohlgefährdung ist vielschichtig. Als erstes geht es um die Frage der Feststellung, ob überhaupt eine Kindeswohlgefährdung vorliegt. Ist dies nicht ohnehin offensichtlich, erfolgt zunächst eine Auseinandersetzung mit den Verdachtsgründen und ggf. eine Befragung des Kindes zum fraglichen Sachverhalt sowie eine Rekonstruktion der Aussage des Kindes zur Prüfung der Frage, ob eine etwaige Aussage durch Befragungseinflüsse zustande gekommen oder mitbestimmt sein könnte.

Eine weitere diagnostische Ebene bezieht sich dann auf die Erziehungsfähigkeit der Eltern, die in diesem Zusammenhang als grundlegende Fähigkeit der Eltern verstanden wird, die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und zu befriedigen. Dies schließt auch angemessene erzieherische Maßnahmen ein. Es werden Erziehungsvorstellungen und deren Umsetzung erhoben, aber auch Risikofaktoren, unter denen das Kind aufwächst (z. B. Substanzmissbrauch eines Elternteils, psychische Erkrankungen, unzureichende Wohnverhältnisse). Dieser Bereich wird meist über medizinische und psychiatrische Begutachtungen abgedeckt.

Eine weitere diagnostische Ebene bezieht sich auf das Kind selbst. Neben dem aktuellen Befinden des Kindes sollen im Rahmen eines Gutachtens Risiko- und Schutzfaktoren des Kindes erfasst werden. So können Erkrankungen oder Behinderungen des Kindes dazu führen, dass Eltern überfordert sind und in der Folge ihre Erziehungsfähigkeit eingeschränkt ist. Gleichzeitig ist es Aufgabe des Sachverständigen zu prüfen, ob alle Hilfsmaßnahmen oder Möglichkeiten der Kompensation bereits ausgeschöpft wurden, bevor eine Herausnahme des Kindes aus seiner Familie erfolgt.



Frage 3

Nennen Sie die rechtlichen Grundlagen zur Beurteilung der Schuldfähigkeit.


Antwort zu Frage 3

Die rechtlichen Grundlagen für die Beurteilung von Schuldfähigkeit bzw. Schuldunfähigkeit finden sich im Strafgesetzbuch: §20 (Schuldunfähigkeit) und §21 StGB (verminderte Schuldfähigkeit). Beide Paragrafen beziehen sich auf die fehlende bzw. reduzierte Einsichtsfähigkeit sowie auf die mangelnde Steuerungsfähigkeit der beschuldigten Person.



Frage 4

Nennen Sie einige diagnostische Erhebungsverfahren zur Risikoeinschätzung im Rahmen der Erstellung einer Rückfall- oder Gefährlichkeitsprognose.


Antwort zu Frage 4

•    Klassische statistische Instrumente: Berücksichtigung von ausschließlich statistisch-mathematischen Zusammenhängen zwischen Merkmalen und Rückfälligkeit; Beispiele: Salient Factor Score (SFS), Offender Group Reconviction Scale (OGRS), Rapid Risk Assessment for Sex Offense Recidivism (RRASOR)
•    Instrumente zum „Risk-Needs-Assessment“: Einbezug von dynamischen Risikofaktoren, neben der Einschätzung des Rückfallrisikos auch die individuellen bedeutsamen Risikofaktoren; Beispiel: Level of Service Inventory-Revised
•    Instrumente zur Gewaltprognose: speziell für die Anwendung der Rückfallwahrscheinlichkeit bei Gewaltdelikten; Beispiele:  Violence Risk Appraisal Guide (VRAG), Historical-Clinical-Risk Management 20 Item-Schema (HCR-20), Integrierte Liste der Risikovariablen (ILRV, deutsches Instrument), Spousal Assault Risk Assessment (SARA, Gewalt in Partnerschaften)
•    Instrumente für Hochrisikogruppen: Psychopathy Checklist-Revised (PCL-R),
•    Instrumente zur Prognose von Sexualdelinquenz: speziell für die Anwendung der Rückfallwahrscheinlichkeit bei Sexualdelikten; Beispiele: Sex Offender Risk Appraisal Guide (SORAG); Sexual-Violence-Risk-20-Schema (SVR-20; ähnlich zum HCR-20, klinisches Interview); Minnesota Sex Offender Screening Tool-3.1 (MnSOST-3.1); Rückfallrisiko bei Straftätern (RRS, speziell deutschsprachiges Verfahren)
•    Instrumente für junge Täter: für die junge Zielgruppe adaptierte Verfahren: PCL:YV, YLS/CMI;
•    Neuentwicklungen: Structured Assessment of Violence Risk in Youth (SAVRY); Juvenile Sex Of-fender Assessment Protocol-II (J-SOAP-II), Estimate of Risk of Adolescent Sexual Offense Recidivism (ERASOR)



Frage 5

Welche Schritte müssen im Rahmen der Glaubhaftigkeitsbeurteilung von Zeugenaussagen beachtet werden?


Antwort zu Frage 5

Als Grundprinzip im Rahmen eines wissenschaftliches Vorgehen bei der Erstellung von aussagepsychologischen Glaubhaftigkeitsgutachten wird eine hypothesengeleitete Vorgehensweise eingefordert, bei der solange von der Unwahrheit einer Aussage (= Nullhypothese) ausgegangen wird, bis erhobene Daten eindeutig dagegen sprechen und damit die Alternativhypothese angenommen werden muss, dass die Aussage wahr sei.

Die Wahrheitshypothese also wird indirekt geprüft, indem zunächst mögliche Gegenhypothesen explizit formuliert werden, um sie dann zu widerlegen. Dies geschieht über die Prüfung von Realkennzeichen und alternativen Erklärungen (z.B. Suggestion, gezielte Instruktionen durch Dritte) für das Zustandekommen der Schilderung.

Die „Statement Validity Analysis“ (SVA) wird als Standardverfahren der Glaubhaftigkeitsbeurteilung von Zeugen benannt. Mit der SVA erfolgt die Glaubhaftigkeit einer Aussage auf den drei Ebenen Aussagetüchtigkeit, -qualität und -validität. Dabei wird zunächst (mittels biografischer Analyse, psychologischer Tests, Exploration und Beobachtung) geprüft, ob der Zeuge aufgrund seiner kognitiven und psychischen Kompetenzen überhaupt zu einer (Falsch-)Aussage fähig ist. Danach folgt die Beurteilung der Aussagequalität der Zeugenaussage, beispielsweise anhand einer kriterienorientierten Aussageanalyse, die eine Einschätzung des Wahrheitsgehaltes einer Aussage ermöglicht (Realkennzeichenanalyse).

Liegen mehrere Aussagen über ein Ereignis zu unterschiedlichen Zeitpunkten vor, können sowohl eine Realkennzeichenanalyse als auch eine Konstanzanalyse durchgeführt werden. Bei der Konstanzanalyse werden Auslassungen, Übereinstimmungen, Widersprüche und Ergänzungen zu den verschiedenen Aussagezeitpunkten betrachtet.



 

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