Differentielle Psychologie – Persönlichkeitsforschung

Kapitelübersicht


Kapitel 1

Einführung


Zusammenfassung

Gegenstand der Persönlichkeitsforschung sind interindividuelle Unterschiede, die sich in einem breiten Spektrum an affektiven, kognitiven, motivationalen und verhaltensbezogenen Merkmalen manifestieren, sowie ihre biologischen, psychologischen und sozialen Ursachen und Folgen. Die Persönlichkeitsforschung bedient sich einer Vielzahl unterschiedlicher Methoden, wobei in jüngerer Zeit die Methodenpalette vor allem um (neuro)biologische und molekulargenetische Verfahren erweitert wurde. Die Entwicklung der Persönlichkeitsforschung wurde durch viele Forscherpersönlichkeiten geprägt, die zugleich auch wichtige theoretische Beiträge geleistet haben. Von besonderer Bedeutung für die Differentielle Psychologie war William Stern, der mit seiner Unterscheidung von je zwei nomothetischen und idiographischen Forschungsrichtungen eine grundlegende Strukturierung der Persönlichkeitsforschung entworfen hat.

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Kapitel 2

Methoden der Persönlichkeitsforschung


Zusammenfassung

Die Persönlichkeitsforschung kann auf ein breites Spektrum an unterschiedlichen Methoden zurückgreifen. Die weitaus am häufigsten eingesetzte Methode ist die Selbsteinschätzung auf der Grundlage von standardisierten Fragebögen. Fragebögen sind sehr ökonomische Verfahren und geeignet, subjektive Erfahrungen zu erfassen, die auf andere Weise nicht zugänglich sind. Seltener sind Selbstberichte in Form von freien Antworten auf offene Fragen, die inhaltsanalytisch ausgewertet werden. Selbsteinschätzungen und Selbstberichte stellen jedoch erhebliche Anforderungen an Sprachkenntnis, Gedächtnis und die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Abstraktion. Subjektive Angaben können zudem durch Selbsttäuschung und bewusste Selbstdarstellung verzerrt sein. Verhaltensbeobachtung und verhaltensbasierte Methoden sind hingegen weniger anfällig für subjektive Verzerrungen und entsprechen in vielerlei Hinsicht den theoretischen Anliegen der Persönlichkeitsforschung. Da verhaltensbasierte Methoden jedoch sehr aufwändig sind, werden sie in der Forschung relativ selten eingesetzt. Großer Beliebtheit erfreuen sich dagegen in der experimentellen Persönlichkeitsforschung kognitive Methoden, mit denen nicht nur grundlegende kognitive Fähigkeiten der Verhaltenssteuerung erfasst werden, sondern auch überprüft werden kann, wie sich Persönlichkeitsmerkmale auf der mikroanalytischen Ebene in Verhaltensreaktionen manifestieren. Mit impliziten Tests verbindet sich die zusätzliche Erwartung, auch automatisierte, nicht bewusst reflektierte Prozesse erfassen zu können. Eine für die Persönlichkeitsforschung besonders relevante Methode stellt das ambulante Assessment dar, bei dem psychologische und physiologische Daten in der natürlichen Lebenswelt der Versuchspersonen erhoben werden und damit der Kontext menschlichen Verhaltens und Erlebens berücksichtigt werden kann.

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Kapitel 3

Methoden der biologischen Persönlichkeitsforschung


Zusammenfassung

Beim EEG als einem der klassischen Verfahren der biologisch orientierten Psychologie sind insbesondere die Analyse der Spontan- oder Hintergrundaktivität sowie die Erfassung von ereigniskorrelierten Potenzialen für die Persönlichkeitsforschung von großer Bedeutung. Mit der Entwicklung der sogenannten bildgebenden Verfahren, wie der Positronen-Emission-Tomografie (PET) und der Magnetresonanztomografie (MRI bzw. fMRI) eröffnen sich neue zusätzliche Möglichkeiten, Hirnstrukturen und Hirnprozesse als biologische Grundlage von Persönlichkeitsunterschieden zu untersuchen. Pharmakopsychologische Untersuchungsstrategien in Verbindung mit dem Model-Systems-Approach ermöglichen eine Identifizierung der neurochemischen Grundlagen interindividueller Unterschiede. Schließlich bedeuten die jüngsten Fortschritte in der molekulargenetischen Forschung auch für die biologische Persönlichkeitsforschung einen vielversprechenden Zugang zur Entschlüsselung von genetischen Einflussfaktoren zur Erklärung interindividueller Unterschiede im Erleben und Verhalten. Eine der großen zukünftigen Herausforderungen der biologischen Persönlichkeitsforschung stellt zweifellos die Integration der derzeitig noch relativ inkonsistenten Befunde dar.

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Kapitel 4

Verhaltensgenetische Methoden


Zusammenfassung

Im Rahmen der quantitativen Genetik stellt der Erblichkeitskoeffizient (h2) eine Schätzung desjenigen Anteils an der phänotypischen Merkmalsvarianz dar, der auf eine ganz bestimmte Art und Weise, in einer spezifischen Population gemessen wurde und als genetische Varianz betrachtet werden kann. Zur Erblichkeitsschätzung werden hauptsächlich Daten herangezogen, die mit Hilfe von Adoptions- und Zwillingsdesigns erhoben wurden. Auf diese Weise konnte für die allgemeine Intelligenz eine Erblichkeit von über 50 % und für die Persönlichkeitsdimensionen des Fünf-Faktoren- Modells eine Erblichkeit von um die 50 % belegt werden. Diese Ergebnisse weisen gleichzeitig auf die wichtige Rolle des Einflusses von nicht geteilten Umweltfaktoren zur Erklärung der phänotypischen Varianz eines Persönlichkeitsmerkmals hin. Der genetische Einfluss auf den Phänotyp kann durch Umwelteinflüsse moderiert werden, was auf das Vorhandensein einer Erbe-Umwelt-Interaktion hinweist.

Die Tatsache, dass für zahlreiche Persönlichkeitsmerkmale ein substanzieller genetischer Einfluss nachgewiesen werden konnte, darf keineswegs als Hinweis darauf interpretiert werden, dass der Einfluss der Umwelt vernachlässigt werden kann. Ganz im Gegenteil, belegen doch die Ergebnisse der quantitativen Genetik, dass zusätzlich zum genetischen Einfluss weitere umweltbedingte Faktoren zur Erklärung der beobachteten interindividuellen Variabilität eines Persönlichkeitsmerkmals herangezogen werden müssen. Darüber hinaus besteht eine Wechselwirkung zwischen Erbe und Umwelt, die beispielsweise mit darüber entscheidet, ob und wie stark eine genetische Prädisposition sich in einem Persönlichkeitsmerkmal phänotypisch niederschlägt. Um die Gefahr von Fehlinterpretationen im Rahmen von Ergebnissen der quantitativen Genetik zu vermeiden, sollte stets beachtet werden, dass es sich um eine Populationsstatistik handelt, die keine direkten Rückschlüsse auf die individuelle Ausprägung eines Persönlichkeitsmerkmals zulässt. Auch sagt ein hohes Maß an Erblichkeit nichts über die Veränderbarkeit des betreffenden Persönlichkeitsmerkmals aus.

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Kapitel 5

Erwartungen und Überzeugungen


Zusammenfassung

Erwartungen und Überzeugungen spielen aus Sicht der sozialkognitiven Theorien eine entscheidende Rolle im Hinblick auf die Initialisierung und Regulation von Verhalten, da in ihnen die subjektive Wahrscheinlichkeit oder Überzeugung im Hinblick darauf zum Ausdruck kommt, ob ein erwünschtes (oder unerwünschtes) Ereignis eintreten wird. Die Differentielle Psychologie beschäftigt sich insbesondere mit Erwartungen und Überzeugungen, die relativ stabil und situationsübergreifend sind. Erwartungen können sich auf unterschiedliche Aspekte der Verhaltensregulation beziehen. Dazu gehören (1) der dispositionale Optimismus, der die unspezifische Ergebniserwartung beinhaltet, ob eher positive oder negative Ereignisse eintreten werden; (2) die generalisierte Erwartung von Selbstwirksamkeit, in der die subjektive Gewissheit zum Ausdruck kommt, das zur Zielerreichung notwendige Verhalten auch realisieren zu können; (3) Kontrollüberzeugungen, die sich darauf beziehen, wer oder was über die Kontrolle hinsichtlich der Ereignisse verfügt sowie (4) die Zuschreibung von Ursachen (Attribution) für positive bzw. negative Ereignisse. Für alle diese Erwartungen und Überzeugungen wurden Fragebogenverfahren entwickelt, die in der Forschung weit verbreitet sind. Erwartungen und Überzeugungen bestimmen nicht nur mit über das unmittelbare Verhalten, sondern stehen auch im Zusammenhang mit langfristigen Verhaltenskonsequenzen, insbesondere hinsichtlich der körperlichen und psychischen Gesundheit.

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Kapitel 6

Motive und Ziele


Zusammenfassung

Motive beinhalten latente Bereitschaften, bestimmte Zielzustände anzustreben. Implizite Motive werden sehr früh erworben, durch nonverbale Anreize angeregt und beeinflussen insbesondere das spontane, nicht bewusst reflektierte Verhalten. Explizite Motive beinhalten hingegen die Bestrebungen, die eine Person sich selbst zuschreibt und die Bestandteil ihres Selbstkonzeptes ist. Explizite Motive werden vor allem dann verhaltenswirksam, wenn sie durch entsprechende verbale Aufforderungen und sozial-evaluative Anforderungen angeregt werden. Die konzeptuellen Unterschiede zwischen impliziten und expliziten Motiven spiegeln sich auch in ihrer unterschiedlichen Erfassung: Implizite Motive werden ausgehend von dem von Murray entwickelten Thematischen Apperzeptionstest (TAT) erfasst, indem Personen Geschichten zu Bildkarten erzählen, die uneindeutige Situationen darstellen und Motive anregen sollen. Die Erfassung expliziter Motive erfolgt hingegen durch Selbsteinschätzungen. Das Zusammenspiel zwischen impliziten und expliziten Motiven und ihre gemeinsame Wirkung auf das Verhalten ist ein zentrales Thema der Motivforschung.

Ziele beschreiben erwünschte Zustände, die eine Person anstrebt, entweder langfristig als Lebensziele oder kurz- und mittelfristig als „persönliche Projekte“ oder „gegenwärtige Anliegen“. Ziele werden durch Fragebögen erfasst oder in einer Kombination aus idiographischen und nomothetischen Verfahren offen erfragt und nach allgemeinen Dimensionen eingeschätzt. Inwieweit die Erreichung von Zielen das Wohlbefinden fördert, hängt von weiteren Faktoren ab, vor allem der Bindung an ein Ziel, der Kongruenz zwischen Zielen und anderen Merkmalen der Person sowie der Frage, ob Ziele den intrinsischen Bedürfnissen und genuinen Anliegen einer Person entsprechen. Für eine adaptive Selbstregulation ist es wichtig, dass sich Personen von nicht erreichbaren Zielen lösen können.

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Kapitel 7

Emotionalität und Expressivität


Zusammenfassung

Interindividuelle Unterschiede im Erleben von positivem und negativem Affekt sind zentrale Bestandteile von Persönlichkeitsmerkmalen. Besonders „affekthaltig“ sind die beiden Persönlichkeitsdimensionen Neurotizismus, der die generelle Neigung zu negativem Affekt beinhaltet, und Extraversion, zu deren Kernelementen die Neigung zu positivem Affekt gehört. Zu weiteren Persönlichkeitsmerkmalen, die stark über Emotionen und Affekt definiert sind, zählen interindividuelle Unterschiede in der Ausprägung des Behavioral Inhibition Systems (BIS) und des Behavioral Activation Systems (BAS), das habituelle subjektive Wohlbefinden sowie spezifische Aspekte der Emotionalität, beispielsweise die Aufmerksamkeit für die eigenen Gefühle.

Stabile und konsistente interindividuelle Unterschiede zeigen sich zudem in der Art und Weise, wie Gefühle zum Ausdruck gebracht werden und wie sie reguliert werden. In beiden Fällen sind die kurz- und langfristigen Folgen für die körperliche Gesundheit und das subjektive und soziale Wohlbefinden von besonderer Bedeutung. Zu den interindividuellen Unterschieden in der Präferenz für einzelne Strategien der Emotionsregulation, die in der aktuellen Emotionsforschung besonders intensiv untersucht werden, gehören die habituelle Neigung zur kognitiven Umdeutung und zur Rumination. Der Einfluss der Persönlichkeit auf den Prozess der Emotionsregulation zeigt sich auch in der Regulation spezifischer Emotionen. Hier liegen vor allem für die Regulation von Angst elaborierte Prozessmodelle vor. Das Gebiet der Emotionsregulation weist große inhaltliche Überschneidungen mit dem Gebiet der Stressbewältigung auf, das eine lange Forschungstradition aufweisen kann. In jüngerer Zeit hat das Konzept der emotionalen Intelligenz große Aufmerksamkeit in der Forschung und in der Öffentlichkeit gefunden, wobei emotionale Intelligenz von einigen Autoren als eine den anderen Formen der Intelligenz vergleichbare Fähigkeit, von anderen Autoren hingegen als eine wahrgenommene Kompetenz verstanden wird.

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Kapitel 8

Selbstkontrolle und Selbstregulation


Zusammenfassung

Selbstkontrolle beinhaltet die Fähigkeit, Gedanken, Gefühle und Verhalten im Hinblick auf die Erreichung persönlicher Ziele und die Einhaltung sozialer Verhaltensstandards zu beeinflussen und zu kontrollieren. Interindividuelle Unterschiede in der Fähigkeit zur Selbstkontrolle und zur Selbstregulation werden durch Unterschiede in den Strategien hervorgerufen, die Personen in kritischen Situationen einsetzen, in denen spontane, automatische Reaktionen zugunsten eines weniger dominanten Verhaltens unterdrückt werden müssen. Dabei zeigt sich, dass zentrale Strategien der Selbstkontrolle bereits in einem sehr frühen Alter erworben werden und adaptives Verhalten bis in das Erwachsenenalter vorhersagen können. Zu den wichtigen Strategien der Selbstkontrolle zählen die Fähigkeit zur Ablenkung und zur kognitiven Distanzierung, die in dem Paradigma des „Belohnungsaufschubs“ in der Forschergruppe um Walter Mischel untersucht wurden, sowie eine Vielzahl an Mechanismen der Aufmerksamkeitslenkung, die unter dem Begriff der exekutiven Funktionen zusammengefasst werden. Ein für die Praxis besonders wichtiges Beispiel für Selbstkontrolle ist die Beherrschung impulsiv-aggressiver Reaktionen durch den entsprechenden Einsatz kognitiver Mechanismen.

Auf der Ebene der allgemeinen Eigenschaften werden interindividuelle Unterschiede in der globalen Fähigkeit zur Selbstkontrolle vor allem mit der Persönlichkeitsdimension der Gewissenhaftigkeit beschrieben. Das alte Konzept der „Willensstärke“, in dem die globale Fähigkeit zur Selbstkontrolle besonders deutlich zum Ausdruck kommt, wird in der neueren Forschung in den Arbeiten der Gruppe um Roy Baumeister belebt. In diesem Ansatz wird davon ausgegangen, dass allen Selbstkontrollleistungen eine gemeinsame Kraft zugrunde liegt, die durch die Aktivierung von Selbstkontrolle verbraucht oder erschöpft wird, und dass sich Personen in der Stärke dieser Kraft unterscheiden. Der Einfluss der Persönlichkeit auf Prozesse der Selbstregulation zeigt sich zudem in interindividuellen Unterschieden in der „objektiven Selbstaufmerksamkeit“ nach Duval und Wicklund sowie in der Form des „regulativen Fokus“ nach Higgins.

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Kapitel 9

Intelligenzmodelle


Zusammenfassung

Obwohl Intelligenz als das am besten untersuchte Persönlichkeitsmerkmal gilt, findet sich bis heute keine allgemeingültige Definition für dieses Konstrukt. Hierarchische Strukturmodelle der Intelligenz ermöglichen eine Integration der klassischen Zwei-Faktoren-Theorie von Spearman und des Modells mehrerer gemeinsamer Faktoren von Thurstone. Dennoch unterscheiden sich die hierarchischen Strukturmodelle hinsichtlich ihrer spezifischen Annahmen in Bezug auf die Anzahl, inhaltliche Definition und hierarchische Organisation der konstituierenden Komponenten der Intelligenz. Im Vordergrund von Sternbergs triarchischer Intelligenztheorie steht eine Analyse des Prozesscharakters der Intelligenz. Mit seiner Theorie der multiplen Intelligenzen versucht Gardner, den aus seiner Sicht zu eng gefassten Intelligenzbegriff der psychometrischen Intelligenzforschung zu erweitern.

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Kapitel 10

Quantifizierung und Verteilung von Intelligenz


Zusammenfassung

Schon früh wurde die Notwendigkeit von Messinstrumenten zur objektiven quantitativen Erfassung der Intelligenz einer Person erkannt. Der erste Intelligenztest, von Binet und Simon (1905) publiziert, basierte auf dem Prinzip des Staffeltests und ermöglichte die Bestimmung des individuellen Intelligenzalters. Um ein Maß zu erhalten, das die Vergleichbarkeit der Intelligenz auch über verschiedene Altersgruppen hinweg gewährleisten kann, schlug William Stern (1912) den Intelligenzquotienten (IQ) vor, bei dem das Intelligenzalter durch das Lebensalter dividiert wird. Allerdings trug dieser IQ nicht der Tatsache Rechnung, dass die Intelligenz nicht linear zum Lebensalter zunimmt. Erst mit der Einführung des Abweichungs-IQ durch Wechsler (1939) konnte dieses Problem gelöst werden. Obwohl im Zusammenhang mit dem Abweichungs-IQ immer noch von einem „Intelligenzquotienten“ gesprochen wird, handelt es tatsächlich nicht mehr um einen IQ im Sinne von Stern, sondern um eine sogenannte Standardnorm, die über eine Flächentransformation in eine Prozentrangnorm überführt werden kann. Als Extremvarianten der Intelligenz lassen sich Hochbegabung, ab einem IQ von über 130, und Intelligenzminderung, ab einem IQ von unter 70, unterscheiden. Eine allgemein gültige Klassifikation der Intelligenzminderung stellt das ICD-10-GM zur Verfügung.

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Kapitel 11

Geschlechtsunterschiede


Zusammenfassung

In den gängigen Geschlechtsstereotypen spiegeln sich die Erwartungen, dass sich Männer und Frauen in vielerlei Hinsicht unterscheiden. Die empirischen Befunde sprechen jedoch eine andere Sprache. Hier belegen Metaanalysen, in denen die Ergebnisse zahlreicher Studien zu einzelnen Merkmalen quantitativ in Form von Effektstärken zusammengefasst werden, dass sich nur für wenige Merkmale große Unterschiede zwischen Männern und Frauen ergeben. Für alle anderen Bereiche sind die Unterschiede eher klein (z. B. kognitive Leistungen und Aspekte der Emotionalität) oder allenfalls von mittlerer Höhe (z. B. Formen der Aggression). Insgesamt legt die reiche empirische Befundlage die Schlussfolgerung nahe, dass sich Frauen und Männer in ihrem Erleben und Verhalten eher ähneln denn unterscheiden.

Im Lichte dieser Befundlage sind auch die theoretischen Erklärungsansätze zu interpretieren, die in der Literatur für Geschlechtsunterschiede angeboten werden. Evolutionsbiologische Ansätze sehen Unterschiede vor allem durch die unterschiedlichen Anforderungen begründet, die sich Männern und Frauen im Bestreben um die Weitergabe ihrer Gene stellen. Aus Sicht des sozial-konstruktivistischen Erklärungsansatzes resultieren Geschlechtsunterschiede hingegen aus den unterschiedlichen Aufgaben, die Männern und Frauen in einer Gesellschaft zugeteilt werden. Der biosoziale Erklärungsansatz integriert beide Perspektiven und sieht vor, dass sich geschlechtsspezifische Rollen aus der Interaktion biologischer Unterschiede zwischen Frauen und Männern und den sozialen, wirtschaftlichen, technologischen und ökologischen Bedingungen einer Gesellschaft ergeben. Auch wenn sich herausstellt, dass viele gängige Geschlechtsstereotype empirisch nicht haltbar sind, können sie dennoch eine Wirkung auf das Verhalten und Erleben von Frauen und Männern entfalten, wie sich am Beispiel der Selbsteinschätzung der Intelligenz und des Einflusses von Stereotypen auf Testleistungen zeigen lässt.

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Kapitel 12

Differenzielle Aspekte des Partnerwahl- und Sexualverhaltens


Zusammenfassung

Die Befriedigung komplementärer Bedürfnisse ist ein wichtiger Aspekt beim Partnerwahlverhalten, der dem Einfluss von Geschlechtsrollenstereotypen unterliegt. Weiterhin sind Partnerwahlpräferenzen abhängig vom Lebensalter und der Beziehungsqualität. Evolutionspsychologische Ansätze, die von der Verewigung des eigenen Genpools als ultimates Ziel allen Verhaltens ausgehen, unterscheiden verschiedene Partnerwahlstrategien in Abhängigkeit vom Geschlecht und danach, ob es sich um kurz- oder langfristige Partnerschaften handelt. Obwohl die von der Evolutionspsychologie ursprünglich postulierten geschlechtsspezifischen Unterschiede im Partnerwahlverhalten zunehmend in Frage gestellt werden, weisen zahlreiche Studien auf eine restriktivere soziosexuelle Orientierung bei Frauen im Vergleich zu Männern hin. Die evolutionspsychologische Annahme, dass Frauen stärker zu emotionaler, Männer dagegen eher zu sexueller Eifersucht neigen, scheint in dieser allgemeinen Form keine Gültigkeit zu besitzen.

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