Entwicklung im Erwachsenenalter

Kapitelübersicht


Kapitel 1

Einführung in die Psychologie des Erwachsenenalters


Zusammenfassung

1. Die Entwicklungspsychologie als Teilgebiet der Psychologie beobachtet und interpretiert Veränderungen während der gesamten Lebensspanne des Menschen, also von der Empfängnis bis zum Tod, und ist bemüht, Veränderungen nach dem Lebensalter zu ordnen. Von Entwicklung spricht man, wenn spätere Entwicklungen von früheren mitbestimmt werden.

2. Entwicklung wird als Prozess gesehen, der in jedem Lebensabschnitt mit Zugewinnen und Verlusten verbunden ist. Stärke und Anzahl von Zugewinnen und Verlusten ändern sich mit zunehmendem Alter in der Weise, dass Anzahl und Stärke der Zugewinne abnehmen, während die der Verluste zunehmen.

3. Das SOK-Modell (Selektive Optimierung mit Selektion) besagt, dass ältere Menschen einen gewissen Ausgleich für ihre Verluste schaffen und sich dadurch einen hohen Grad der Angepasstheit bewahren. Ihnen gelingt dies, indem sie die für sie wichtigsten Ziele und Bedürfnisse auswählen (selektieren) und ihre Ressourcen optimal einsetzen. Um die ausgewählten Ziele zu erreichen und für erlittene Verluste einen Ausgleich (Kompensation) schaffen, setzen sie neue Strategien ein oder wählen für sie angemessenere Ziele aus.

4. Gene wirken stets nur indirekt – über die Umwelt – auf die Entwicklung ein. Sowohl in früheren wie auch in späteren Lebensabschnitten setzen sie möglichen Umwelteinwirkungen engere Grenzen. Als Ausdruck hoher genetischer Kontrolle variiert altersmäßig der Eintritt der Menopause bei der Frau selbst unter sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen nur geringfügig.

5. Unter einer organismischen Sichtweise wird Entwicklung vor allem unter dem Einfluss genetischer Kontrolle gesehen, während eine mechanistische Sichtweise die Bedeutung der Umwelt für den Verlauf der Entwicklung verantwortlich macht. Aus interaktionistischer Sicht stellt Entwicklung das Ergebnis einer wechselseitigen Einwirkung des Individuums und seiner Umwelt dar. Ihre Vertreter beschreiben Prozesse wie Nischen-Auswahl, wonach Organismen diejenigen Umwelten suchen und auswählen, die ihrer genetischen Ausstattung entsprechen. Vertreter interaktionistischer Sichtweisen kennzeichnen die Entwicklung als multidimensional, multidirektional und multikausal. Zugleich verweisen sie auf die Bedeutung der Plastizität. Entwicklung als Ergebnis einer Wechselwirkung von genetischen und Umweltfaktoren deckt sich mit der biopsychosozialen Perspektive. Bei Betrachtung des Individuums aus der Sicht der ökologischen Systemtheorie beachtet man die Veränderungen, die im Verlauf des Lebens zwischen dem Individuum und verschiedenen Ebenen der Umwelt stattfinden.

6. Praktisch in sämtlichen Kulturen erfährt der »alte Mensch« eine Bewertung. Stereotype können positive aber auch negativ gefärbte Bilder von ihm beinhalten. Traditionell wird der ältere Mensch wegen seiner Erfahrungen und dem daraus resultierenden Wissen hoch geachtet. Einflüsse der Modernisierung haben bewirkt, dass ältere Menschen Einbußen in ihrem Rang und Status hinnehmen mussten. Im ungünstigsten Fall werden ältere Menschen zum Opfer von Altersdiskriminierung mit der Folge, dass ihnen aufgrund ihres Alters im sozialen und beruflichen Bereich Lebens- und Entwicklungschancen genommen werden, die jüngeren bereitwilliger zugestanden werden.

7. Der Prozess des erfolgreichen Alterns beschreibt Bemühungen, dem körperlichen Abbau im fortgeschrittenen Alter entgegenzuwirken und sich in diesem letzten Lebensabschnitt gleichzeitig ein hohes Maß an subjektivem Wohlbefinden zu bewahren. Obwohl sich das Auftreten einer zunehmenden Anzahl von Verlusten in der zweiten Lebenshälfte des Menschen nicht ausschließen lässt, findet sich bei Älteren ein vergleichsweise hoher Grad an Zufriedenheit; dieses Phänomen bezeichnet man als »Paradoxie des subjektiven Wohlbefindens«.

8. Wenn es gelingt, eine Kompression der Morbidität zu erreichen, wird die Entstehung chronischer Krankheiten auf die letzten Monate des individuellen Lebens zusammengedrängt. Um möglichst viele Menschen an einem erfolgreichen Altern teilhaben zu lassen, bemühen sich Medizin und zahlreiche weitere Humanwissenschaften darum, dass Maßnahmen der Gesundheitsfürsorge beachtet und befolgt werden.

9. Zu den traditionellen Forschungsmethoden der Entwicklungspsychologie gehören natürliche Beobachtung, Interview und Fragebögen. Aus ethischen Gründen verbieten sich Experimente in der Entwicklungspsychologie, weil man Versuchsteilnehmer nicht nach einer Zufallsauswahl vorschreiben kann, für einen bestimmten Zeitraum unter Bedingungen zu leben, deren Einfluss auf die Entwicklung von Interesse für die Forschung sein könnte.

10. Zu den beschreibenden Methoden der Entwicklungspsychologie gehören Querschnitt- und Längsschnittuntersuchungen, in denen allerdings das Alter nicht als unabhängige Variable manipuliert werden kann. Die durch sie gewonnenen Erkenntnisse gestatten allerdings keine Verallgemeinerungen, denn bei jeder wissenschaftlichen Studie der Entwicklungspsychologie muss mit Alters-, Kohorten- und Messzeitpunkteffekten gerechnet werden. Die Kombination von Querschnitt- und Längsschnittstudien ermöglichst es, die genannten Effekte besser zu kontrollieren. Solche »sequenziellen Designs« sind allerdings in der Durchführung und Auswertung außerordentlich aufwendig.

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Kapitel 2

Körperliche Veränderungen im Erwachsenenalter


Zusammenfassung

1. Es lassen sich zwei Klassen von biologischen Theorien unterscheiden, denen man eine Erklärung für den Alternsprozess entnehmen kann. Die programmierten Alternstheorien gehen von der Annahme aus, dass Altern und Tod das Ergebnis eines Programms darstellen, das in den Genen sämtlicher Lebewesen verankert ist. Nach einer von Hayflick benannten Grenze sind die Teilungen von Körperzellen begrenzt. Mit jeder Teilung der Telomere – es handelt sich dabei um fadenartige Strukturen, die sich am Ende der Chromosomen finden – verkürzen sich die Telomere allerdings geringfügig. Wenn die Länge der Telomere einen kritischen Wert unterschritten hat, gehen im Falle einer weiteren Teilung bedeutsame Informationen des Zellinneren verloren. Die Folge ist ein programmierter Zelltod (Apoptose). Bestimmte Lebensbedingungen – vor allem Stress – wirken verkürzend auf die Länge der Telomere.

2. Eine weitere Gruppe von Theorien hat zum Inhalt, dass freie Radikale, das sind hoch reaktive chemische Substanzen, die durch den normalen Stoffwechsel der Zellen entstehen, Schädigungen an Zellen hervorrufen. Der menschliche Organismus ist allerdings in der Lage, sich mit Hilfe von Antioxidantien bis zu einem gewissen Grade vor Schädigungen durch freie Radikale zu schützen. Um den Körper dabei zu unterstützen, hat vor allem die Ernährungswissenschaft viele gut fundierte Empfehlungen erarbeitet.

3. Der Alternsprozess ist möglicherweise auch darauf zurückzuführen, dass das Immunsystem im fortgeschrittenen Alter zunehmende Schwierigkeiten hat, zwischen eigenen und fremden Zellen zu unterscheiden. In einem Prozess, den man als Autoimmunität bezeichnet, beginnt der Körper damit, sich selbst zu zerstören.

4. Einige Folgen des Alternsprozesses verändern das äußere Erscheinungsbild vor allem ab dem mittleren Erwachsenenalter. Dazu zählt die Hautalterung, denn dieses Organ wird zunehmend trockener, es entstehen Falten. Dieser Prozess wird durch intensive, regelmäßige Sonneneinstrahlung und durch Rauchen beschleunigt. Die Haare ergrauen und werden allmählich dünner.

5. Der Bewegungsapparat wird mit zunehmendem Alter beeinträchtigt, weil ein allmählicher Schwund der Muskelmasse einsetzt, der sich aber durch regelmäßiges körperliches Training verlangsamen oder sogar aufhalten lässt. Ab dem vierten Lebensjahrzehnt wird bei Mann und Frau mehr Knochensubstanz abgebaut als neu gebildet, und damit vermindert sich die Knochenmasse allmählich. Der Knochen wird im Verlauf der Zeit poröser und starrer mit der Folge, dass er bei entsprechenden Belastungen leichter bricht. Vor allem das weibliche Geschlecht wird in der Folgezeit gehäuft Opfer von Osteoporose. Schädigungen der Gelenke erfolgen durch den Abbau von Knorpelgewebe.

6. Eine Verminderung der Körpergröße ergibt sich bei Frauen und Männern im fortgeschrittenen Alter dadurch, dass sich die Bandscheibenhöhe vermindert, eine Höhenminderung der Wirbel erfolgt und die Krümmung der Wirbelsäule zunimmt. Der Körper-Massen-Index (BMI) erhöht sich mit zunehmendem Alter des Menschen. Vor allem während des mittleren Erwachsenenalters kommt der Anstieg des BMI zumeist durch Erhöhung des Fettanteils im Körper zustande. Wenn sich ausgesprochene Fettleibigkeit (BMI ≥ 30) entwickelt, steigen die Risiken für Krankheiten, und damit sinkt auch die Lebenserwartung Betroffener.

7. Männer und Frauen verlieren in ihren 20ern und 30ern in einem Jahrzehnt jeweils 3 bis 6 % ihrer aerobischen Kapazität, in den 70ern sogar 20 % in einem Jahrzehnt. Zu erklären ist die Abnahme der aerobischen Kapazität mit mehreren Veränderungen: Die Leistungsfähigkeit des Herzmuskels nimmt ab, und durch Verengung der Blutgefäße verringert sich der Blutdurchfluss. Dem Abbau der Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems lässt sich bis zu einem gewissen Grade durch einen »gesunden« Lebensstil entgegenwirken, der zum einen die tägliche Bewegung, zum anderen die Ernährung umfasst.

8. Die Vitalkapazität nimmt im Verlauf des Erwachsenenalters ab; sie beschreibt die Luftmenge, die ein Mensch nach vorheriger maximal möglicher Einatmung höchstens ausatmen kann. Die Vitalkapazität ist mittels eines regelmäßigen sportlichen Trainings zu steigern. Dem Hauptproblem der alternden Lunge, das in einem Elastizitätsverlust besteht, lässt sich durch körperliches Training nicht entgegenwirken. Er wird sogar durch regelmäßige Einatmung verunreinigter Luft, insbesondere von Tabakrauch, noch beschleunigt.

9. Entgegen früherer Auffassung haben William Masters und Virginia Johnson sowie Alfred Kinsey und seine Mitarbeiter den Nachweis erbringen können, dass auch ältere Menschen durchaus in der Lage und motiviert sind, aktiv Situationen zu gestalten, in denen sie ihre Sexualität erfahren können. Einschneidend für die Frau ist das Auftreten der Menopause, durch die das Ende des fruchtbaren Lebensabschnitts markiert wird. Die Menopause wird von zahlreichen körperlichen und psychologischen Symptomen begleitet (z. B. Hitzewallungen), über die Frauen aber nicht in allen Kulturen berichten. Hormonersatztherapien sind wegen möglicher Nebenwirkungen umstritten. Beim Mann lässt die Spermienproduktion allmählich nach; zunehmend wird von Erektionsschwierigkeiten berichtet. Veränderungen an der Prostata erfordern regelmäßige ärztliche Kontrolle.

10. Es gibt mehrere bildgebende Verfahren zur Untersuchung des Gehirns: Magnetresonanzspektrographie (MRS), Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) und Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Im Verlauf der Entwicklung können Hirnzellen (Neuronen) absterben (Apoptose), es kann aber auch zu Neubildung kommen (Neurogenese), sogar noch im Erwachsenenalter. In einigen Gehirnen Erwachsener hat man senile Plaques und neurofibrilläre Verklumpungen nachweisen können, deren Auftreten mit der Alzheimer-Krankheit in Beziehung steht, die aber nicht immer offen in Erscheinung treten, weil einige Menschen solche Veränderungen aufweisen, aber eine kognitive Reserve entwickelt haben, die vor dem Ausbruch der Krankheit schützt.

11. Das autonome Nervensystem regelt u. a. das Schlafverhalten des Menschen. Erwachsene sollten 7 bis 8 Stunden täglich schlafen. Wird dieser Zeitraum regelmäßig verkürzt, ist mit Beeinträchtigungen der Gesundheit zu rechnen. Nach Eintritt in das 3. Lebensjahrzehnt berichten Betroffene häufiger von nächtlichem Aufwachen. Einige Maßnahmen, so etwa regelmäßige aerobische Übungen, sind für viele Menschen geeignet, Schlafdauer und Schlaftiefe günstig zu beeinflussen. Das autonome Nervensystem reguliert weiterhin die Körpertemperatur. Älteren Menschen gelingt es im Vergleich zu jüngeren weniger gut, sich veränderten Außentemperaturen anzupassen.

12. Die Leistungsfähigkeit der Sinnesorgane vermindert sich während des Erwachsenenalters. Spätestens in den 40er Jahren erfahren viele Menschen, dass sie wegen erfolgter Altersweitsichtigkeit eine Lesebrille benötigen. Als weitere medizinische Problembereiche gelten der graue Star (Katarakt), die altersbedingte Makula Degeneration und das Glaukom, das nach einer irreversiblen Schädigung des Sehnervs auftritt. Bei fortgeschrittenen Formen der Altersschwerhörigkeit ist die für den Menschen außerordentlich wichtige Fähigkeit zur Kommunikation in Mitleidenschaft gezogen. Eine Abnahme des Geruchssinnes tritt häufiger und bei vielen Menschen stärker in Erscheinung als eine Verminderung des Geschmackssinns. Besonders verhängnisvoll sind zunehmende Schwierigkeiten älterer Menschen, den eigenen Körper im Gleichgewicht zu halten. Dadurch steigt das Sturzrisiko. Es gibt zahlreiche Programme, die darauf zielen, dem Sturzrisiko entgegenzuwirken.

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Kapitel 3

Entwicklung kognitiver Funktionen


Zusammenfassung

1. Sämtliche Informationen, die Menschen aufgrund vorausgegangener Lernerfahrungen gespeichert haben, sind das Ergebnis von Prozessen, die im Arbeitsgedächtnis stattgefunden haben. Es wird allgemein davon ausgegangen, dass das Speichersystem aus drei Komponenten besteht: einem sensorischen Register, einem Arbeitsgedächtnis und einem Langzeitgedächtnis. Das Langzeitgedächtnis setzt sich ebenfalls aus drei Komponenten zusammen: einem prozeduralen, einem episodischen und einem semantischen Gedächtnis. Die Theorie der Informationsverarbeitung erklärt, wie Reize (Informationen) aus der Umwelt zunächst enkodiert, gespeichert und schließlich abgerufen werden. Diese drei Operationen unterliegen einem Alterseffekt.

2. Die altersabhängige Veränderung kognitiver Leistungsfähigkeit wird auf eine Verlangsamung der Verarbeitungsgeschwindigkeit von Informationen (allgemeine Verlangsamungs-Hypothese) zurückgeführt, diese Veränderung zeigt sich vor allem bei Auseinandersetzung mit komplexeren Aufgaben (Alters-Komplexitäts-Hypothese).

3. Die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf relevante Informationen zu richten und irrelevante zu ignorieren, wird mit zunehmendem Alter beeinträchtigt (Hemmungsdefizit-Hypothese). Ältere Menschen sind zudem gegenüber jüngeren benachteiligt, weil ihnen zur Verarbeitung von Informationen immer weniger Aufmerksamkeitsressourcen zur Verfügung stehen. Aufgrund der genannten Veränderungen vermindert sich die Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses im Verlauf des Erwachsenenalters. Wenn das alternde Gehirn altersbedingte neuronale Defizite zu verkraften hat, entwickelt es »scaffolds«, neue Schaltkreise, die es ihm weiterhin ermöglichen, kognitive Aufgaben erfolgreich zu erledigen.

4. Im Langzeitgedächtnis werden vor allem Aufgaben, die mit Hilfe des episodischen Gedächtnisses zu bewältigen sind, mit zunehmendem Alter unzureichender bewältigt. Demgegenüber wird das semantische Gedächtnis vergleichsweise wenig durch fortschreitendes Alter beeinträchtigt. Auch das prozedurale Gedächtnis erweist sich gegenüber Alterseffekten als sehr widerstandsfähig. In experimentellen Untersuchungen hat man eine beträchtliche Absenkung prospektiver Gedächtnisleistungen nachgewiesen. Im alltäglichen Leben sind sich ältere Menschen vielfach bewusst, wie wichtig die Einhaltung geplanter Vorhaben für sie sein kann. Deshalb entwickeln und nutzen sie Strategien, um sich dadurch rechtzeitige Erinnerungshilfen zu schaffen.

5. Es besteht eine Tendenz älterer Menschen, die Leistungsfähigkeit ihres Gedächtnisses zu unterschätzen. Es ließ sich nachweisen, dass die Güte von Erinnerungsleistungen auch von der Selbsteinschätzung abhängt, die Menschen von ihrem Gedächtnis haben. Unter Bedingungen einer Stereotypenbedrohung können ältere Menschen schwächere Gedächtnisleistungen zeigen, wenn bei ihnen situativ negative Stereotype über Alterungsprozesse und das Gedächtnis aktiviert worden sind.

6. Trainingsprogramme zur Förderung des Gedächtnisses können erfolgreich sein, wenn man die Adressaten zusätzlich über die Arbeitsweise des Gedächtnisses informiert. Dabei besteht vor allem das Bemühen, älteren Menschen die Angst zu nehmen, dass sich ihr Gedächtnis unter allen Umständen verschlechtern wird. Zusätzlich macht man sie mit Mnemotechniken vertraut. Weitere Programme richten sich darauf, neurokognitive Funktionen direkt zu fördern.

7. Intelligenz, traditionell auch definiert als das, was Intelligenztests messen, ist von Alfred Binet als veränderliches Persönlichkeitsmerkmal gesehen worden, das der Förderung zugänglich ist, während Eugeniker wie Louis Terman Intelligenztests nutzten, um auf deren Ergebnisse Selektionsentscheidungen zu stützen. Unter einer solchen Zielsetzung wurde Intelligenz als Persönlichkeitsmerkmal betrachtet, dessen Entwicklung genetisch bestimmt ist und gegenüber Umwelteinflüssen ziemlich resistent ist.

8. Ergebnisse standardisierter Tests führten zu dem Ergebnis, dass ältere Personen weniger gute Leistungen darin erbringen als jüngere. Man stellte gleichzeitig fest, dass ältere Erwachsene vor allem bei den Handlungstests einen Leistungsabfall mit zunehmendem Alter zeigen. Demgegenüber fallen die Leistungen in sprachlichen Tests (Wortverständnis, allgemeines Wissen und Sprachverständnis) nur wenig und sehr allmählich ab. Dieser Unterschied zwischen dem sprachlichen Teil und dem Handlungsteil ist unter der Bezeichnung »klassisches Muster der Alterungsprozesse« bekannt. Die flüssige Intelligenz, die grundlegende Fähigkeit zur Verarbeitung von Informationen, unabhängig von Erfahrungen, fällt kontinuierlich ab, während kristallisierte Intelligenz, die den Einfluss von Erfahrungen und der Kultur widerspiegelt, bis ins hohe Alter ansteigen kann.

9. In die Ergebnisse von Intelligenztests fließt stets ein, unter welchen inneren und äußeren Bedingungen sich die Getesteten mit den gestellten Aufgaben auseinander gesetzt haben. Es ist damit zu rechnen, dass Testleistungen vermindert werden, wenn sie mit Angst auf Prüfungssituationen reagieren, ihre Sinnesorgane Funktionsausfälle aufweisen, wenn unter Zeitdruck zu arbeiten ist und bestimmte Erkrankungen vorliegen (z. B. hoher Blutdruck.).

10. Erste Querschnittuntersuchungen im letzten Jahrhundert führten zu dem Ergebnis, dass die Intelligenz bereits früh im menschlichen Lebenslauf – entweder bereits während der Adoleszenz oder im frühen Erwachsenenalter – abfällt. Überprüfungen solcher Befunde durch Längsschnittstudien ließen demgegenüber den Schluss zu, dass Querschnittuntersuchungen mit dem Kohorteneffekt belastet waren. Der Flynn-Effekt beschreibt, dass sich als Folge von Veränderungen vor allem im Gesundheits- und Bildungswesen die getesteten Intelligenzleistungen in der jüngeren Vergangenheit kontinuierlich verbessert haben.

12. Jean Piaget stellte eine Theorie der kognitiven Entwicklung vor, nach der die Denkentwicklung in der Adoleszenz ihren Gipfelpunkt und Abschluss erreicht. Mit der Fähigkeit zum formal-operationalen Denken ist ein Jugendlicher in der Lage, logisch zu denken und abstrakte Symbole zu nutzen, um zu einer Lösung zu gelangen. Während der formal-operationale Denker logisch nach der einzig richtigen Lösung sucht, anerkennen und berücksichtigen postformale Denker in Problemsituationen des Alltagslebens, dass eindeutige Antworten häufig nicht möglich sind. Bei ihnen fließen persönliche Einstellungen, Wertorientierungen, Emotionen und weitere subjektive Faktoren mit in den Prozess der Lösungssuche und in den der abschließenden Urteilsbildung ein.

13. Ältere Menschen verfügen über gute Voraussetzungen, alltägliche Probleme zu lösen, wenn sie dabei auf ihre Erfahrungen zurückgreifen können. Sofern sie allerdings vor Situationen stehen, die für sie neu sind, müssen sie verstärkt jene Fähigkeiten und Fertigkeiten einsetzen, die ihnen eine Anpassung ermöglichen, so vor allem ihre Aufmerksamkeit, ihr Arbeitsgedächtnis und ihre Fähigkeit zum schlussfolgernden Denken. Es sind genau diese Aspekte kognitiver Funktionen, die höchst negativ durch das Alter beeinträchtigt werden.

14. Als kreativ gilt im Allgemeinen eine außergewöhnliche Leistung, die für die jeweilige Zeit, in der sie erbracht worden ist, als neu zu werten ist und außerdem einen Einfluss auf die Gesellschaft ausgeübt hat. Ältere Arbeiten haben zunächst einen Zusammenhang zwischen Lebensalter und kreativer Leistung aufzudecken versucht. Die jeweiligen Spitzenleistungen waren in den einzelnen Tätigkeitsbereichen unterschiedlich. Simonton hält es demgegenüber für notwendig, die Ordnung herausragender kreativer Leistungen nach dem Lebensalter aufzugeben und stattdessen das Karrierealter zu verwenden. Nach Simontons Beobachtungen weisen viele berufliche Laufbahnen eine gewisse Regelmäßigkeit auf: Zunächst steigt die Produktivität an, erreicht einen Höhepunkt (das »Gipfelalter«), um dann anschließend abzufallen. Menschen mit hoch kreativem Potenzial erbringen bereits früh in ihrem Leben beachtenswerte Beiträge, und sie bewahren sich ihre Produktivität über das gesamte Leben.

15. Für Baltes handelt es sich bei Weisheit um »Expertenwissen über die Pragmatik des Lebens«, also über das, was das praktische Leben betrifft. Ardelt sieht Weisheit dagegen als ein Persönlichkeitsmerkmal. Nach ihren Vorstellungen muss ein weiser Mensch kognitive, zur Reflektion befähigende und affektive Persönlichkeitsmerkmale aufweisen. Für Sternberg kommt Weisheit als Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen Person, Aufgabe und Situation zustande. Ob ein Zusammenhang zwischen Weisheit und Lebensalter gesehen wird, hängt auch von der jeweils zugrundeliegenden Definition ab. Eine wichtige Voraussetzung zur Entwicklung von Weisheit besitzen jene Menschen, die eine höhere Bereitschaft aufweisen, Verantwortung für ihre eigenen Aktivitäten zu übernehmen und in der Lage sind, vorfindbare Gegebenheiten klarer und weniger verzerrt zu sehen.

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Kapitel 4

Entwicklung der Persönlichkeit


Zusammenfassung

1. In seinem hierarchischen Modell der Persönlichkeit unterscheidet McAdams zwischen drei Ebenen: (I) Die Ebene der Eigenschaften, (II) die Ebene der Pläne, Strategien und Absichten (concerns) und (III) die Ebene der Identität.

2. Das Fünf-Faktoren-Modell (»the Big Five«) ist das Ergebnis eines sehr einflussreichen Forschungsbeitrags zur Beschreibung der Persönlichkeit während des Erwachsenenalters. Zahlreiche Langzeitstudien haben ergeben, dass diese Eigenschaften über einen längeren Zeitraum sehr stabil bleiben. Das gilt aber vor allem für McCrae und Costa, nach deren Position die Entwicklung der Persönlichkeitseigenschaften unter der Kontrolle biologischer Prozesse steht.

3. Andere Autoren haben beobachtete Veränderungen im Erwachsenenalter mit dem Kontext erklärt. Diese »Kontextualisten« vertreten die Überzeugung, dass sich soziale Rollen und die soziale Umwelt während des individuellen Lebens verändern, und sie haben nachweisen können, dass es bei der Entwicklung der Persönlichkeitseigenschaften sowohl Stabilität als auch Veränderungen gibt.

4. Zahlreiche Persönlichkeitseigenschaften stehen in Zusammenhang mit anderen Entwicklungen und sie bestimmen beispielsweise mit, ob ein Mensch befriedigende Paarbeziehungen entwickelt, welche beruflichen Leistungen er erbringt, und inwieweit es ihm gelingt, seine Gesundheit während des Erwachsenenalters zu bewahren.

5. Im Unterschied zu den Big Five findet bei der Erforschung der persönlichen Ziele, der Absichten und Pläne der Ebene II der jeweilige Kontext eines Menschen Berücksichtigung. In der Theorie von Erik Erikson werden für die Zeit des Erwachsenenalters drei Stadien beschrieben, die für den Einzelnen jeweils besondere Herausforderungen oder »Krisen« darstellen. Dabei handelt es sich um Intimität vs. Isolation, Generativität vs. Stagnation und Ich-Integrität vs. Verzweiflung.

6. Zahlreiche der von Erikson behaupteten Zusammenhänge konnten durch Nachprüfungen bestätigt werden. Junge Erwachsene sind beispielsweise zur Entwicklung von Intimität erst in der Lage, wenn sie zuvor die Identitätskrise erfolgreich bewältigt haben. Die Generativität hat das Forschungsinteresse am stärksten aktiviert. Junge Erwachsene stellen sich den Aufgaben der Generativität relativ wenig. Demgegenüber besteht bei vielen Menschen im mittleren und späteren Erwachsenenalter ein verstärktes Bemühen, anderen zu helfen, für andere da zu sein und etwas von bleibendem Wert zu schaffen.

7. Menschen können in der Mitte ihres Lebens eine Bestandsaufnahme durchführen, wenn sie sich die Zeit nehmen, den Blick zurückzuwenden und sich die Frage zu stellen, ob der Lebensweg so wie bisher fortgesetzt werden sollte. Zahlreiche Erfahrungen bringen ins Bewusstsein, dass die verbleibende Lebenszeit nicht mehr unbegrenzt sein wird.

8. Eine Bestandsaufnahme in der Mitte des Lebens ist nicht mit einer »Midlife-Crisis« gleichzusetzen. Eine Gruppe von Wissenschaftlern an der Yale-Universität behauptete 1978, dass viele Männer eine solche Krise in der Mitte ihres Lebens durchlaufen würden. Die Massenmedien und die Ratgeberliteratur griffen das Thema auf und bestätigten ihrerseits, dass verantwortungsbewusste Personen mittleren Alters vielfach eine 180-Grad-Wende vollziehen und plötzlich unverantwortlich handeln. Nachfolgende methodisch einwandfreiere Untersuchungen konnten das allgemeine Auftreten einer Midlife-Crisis in der Mitte des Lebens allerdings nicht bestätigen.

9. In Alltagssituationen werden Menschen immer wieder vor die Situation gestellt, Probleme durch Einsatz von Strategien zu lösen. Es lassen sich mehrere Strategien zur Emotionsregulation benennen. Jüngere und ältere Menschen unterscheiden sich kaum in der Art und Weise, wie sie sachliche Probleme bewältigen. Bei der Auseinandersetzung mit Konflikten, die mit starken Emotionen befrachtet sind, treten dagegen deutliche Altersunterschiede zutage. Zur Lösung von Problemen aus dem familiären Umfeld werden im mittleren Erwachsenenalter häufiger proaktive Strategien zur Emotionsregulation angewandt, während ältere Personen eine passive Emotionsregulation bevorzugen.

10. Die Kontrollüberzeugung gilt als bedeutsames Persönlichkeitsmerkmal. Die Kontrollüberzeugung eines Menschen bestimmt u. a. mit, welchen Grad subjektiver Zufriedenheit er entwickelt, wie schnell er sich von einem operativen Eingriff erholt und welches Leistungsverhalten er zeigt.

11. Entwicklungspsychologisch aufschlussreich ist die Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Kontrolle. Die primäre Kontrolle ist darauf gerichtet, die Umgebung in Einklang mit eigenen Wünschen und Zielen zu bringen. Die sekundäre Kontrolle beschreibt Aktivitäten, die auf Gegebenheiten der eigenen Person wirken. In der Kindheit, der Adoleszenz und im frühen Erwachsenenalter wird hauptsächlich die primäre Kontrolle genutzt. Im höheren Lebensalter, wenn der Anteil der Verluste steigt, wird häufiger auf sekundäre Kontrollstrategien zurückgegriffen.

12. McAdams ist zu der Feststellung gelangt, dass Menschen eine Lebensgeschichte entwerfen, bei der es sich um eine Erzählung mit einem Anfang, einem Mittelteil und einem Ende handelt. Menschen nutzen die Lebensgeschichte, um ihre Identität zu wahren. Frauen und Männer nehmen Veränderungen an ihrer Lebensgeschichte während des gesamten Erwachsenenalters vor. Die Lebensgeschichte spiegelt die Emotionen, Werte und Ziele eines Menschen wider und bildet einen Hintergrund für sein Verhalten.

13. Beim subjektiven Wohlbefinden handelt es sich um eine mitgeteilte Selbsteinschätzung des eigenen Lebens mit kognitiven und emotionalen Komponenten. Es stellt eine vergleichsweise stabile Persönlichkeitseigenschaft dar. Als Paradoxie des subjektiven Wohlbefindens bezeichnet man den wiederholt bestätigten Befund, dass ältere Menschen trotz eines gesteigerten Anteils erfahrener Verluste einen hohen Grad an Zufriedenheit mit ihrem Leben bekunden. Erst bei Annäherung an den Todeszeitpunkt ist allgemein ein Absinken der Zufriedenheit festzustellen.

14. Ein bedeutsamer Faktor, der Einfluss auf die Gesundheit eines Menschen nimmt, ist ein optimistischer, in Abhebung von einem pessimistischen Erklärungsstil. Positive (optimistische) Zukunftserwartungen sind offenkundig in einer bestimmten Region des Gehirns verankert. Optimisten und Pessimisten unterscheiden sich in ihrer Verfügung und Nutzung von Bewältigungsstrategien, in ihren Sozialbeziehungen und in ihrer Arbeitsproduktivität. Seligman hat Methoden vorgestellt, die die Entwicklung optimistischer Lebenseinstellungen fördern.

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Kapitel 5

Entwicklung sozialer Beziehungen


Zusammenfassung

1. Menschen kommen als hilflose Wesen auf die Welt und sind darauf angewiesen, dass sie soziale Zuwendung erfahren. Ziemlich früh in ihrem Leben wird erkennbar, dass Menschen sozial orientierte Wesen sind, die sich soziale Netzwerke aufbauen und bemüht sind, innerhalb dieser Netzwerke, engere und in begrenztem Maße auch intimere Beziehungen zu entwickeln. Zu den intimeren Beziehungen, die Menschen entwickeln, gehören Freundschaften. In einer Freundschaftsbeziehung besteht eine hohe Bereitschaft, Vertraulichkeiten auszutauschen. Freundschaften tragen wesentlich dazu bei, Zufriedenheit mit dem eigenen Leben zu erlangen und Gesundheit zu bewahren.

2. Die Anzahl der Freundschaftsbeziehungen, die Menschen im Verlauf ihres Lebens entwickeln, stellt keine Konstante dar. Im Allgemeinen tendieren Menschen dazu, während der Adoleszenz und im frühen Erwachsenenalter mehr Freunde zu haben als in irgendeinem anderen Lebensabschnitt.

3. Eine Erklärung für veränderte Sozialbeziehungen während des Erwachsenenalters ist der sozioemotionalen Selektivitätstheorie von Laura Carstensen zu entnehmen. Die Theorie enthält die Annahme, dass Menschen in dem Maße, wie sich ihre verbleibende Lebenszeit verkürzt, wählerischer in ihren Sozialbeziehungen werden und sich zunehmend auf engere, emotional befriedigende Sozialkontakte beschränken.

4. Von besonderer Bedeutung für das Leben eines Menschen sind Liebesbeziehungen, die aus folgenden Komponenten bestehen: Leidenschaft, Vertraulichkeit, Selbstverpflichtung, Fürsorglichkeit und überwältigt sein. Exklusivität, Leidenschaft und der Wunsch nach gelebter Sexualität gelten vielfach als Kennzeichen für eine Liebesbeziehung, nicht aber für eine Freundschaft. Die Qualität einer Liebesbeziehung verändert sich im Verlauf einer Partnerschaft. Der zeitlich vergleichsweise kurze Abschnitt einer leidenschaftlichen Liebe wird abgelöst von einer romantischen Liebe, in der die Kameradschaftlichkeit verstärkt in den Vordergrund tritt. Die Stabilität einer Beziehung hängt wesentlich davon ab, ob sich Gewinne und Verluste die Waage halten. Allerdings verändert sich die Kosten und Nutzenrechnung im Verlauf einer Partnerschaft.

5. In modernen Industriegesellschaften lassen sich verschiedene Lebensformen Erwachsener unterscheiden. Alleinstehende, Alleinwohnende, Kohabitierende, homosexuelle und heterosexuelle Partnerschaften. Die Lebensform des Alleinstehenden kann freiwillig oder unfreiwillig entstanden sein. Kohabitation hat während der letzten Jahrzehnte zunehmende Akzeptanz in der Gesellschaft erfahren. Wenn eine Kohabitation längere Zeit, also beispielsweise länger als 25 Monate – praktiziert worden ist, bestehen gesteigerte Aussichten für eine anschließend bestehende dauerhafte Ehebeziehung.

6. Infolge längerer Ausbildungszeiten und – dadurch bedingt – später erreichter wirtschaftlicher Selbstständigkeit – wurden Eheschließungen in jüngster Zeit altersmäßig immer weiter hinausgezögert. Obwohl das Eingehen einer Ehebeziehung gegenüber früheren Zeiten abgenommen hat, bietet diese Lebensform für Partner stabiler Ehen die Aussicht auf einen guten Gesundheitsstatus und eine vergleichsweise gesteigerte Lebenserwartung. Dafür sind mindestens zwei Effekte verantwortlich: Ein ehelicher Selektionseffekt und ein Eheschutzeffekt. 7. Zwischen 2 und 7 % der Männer und Frauen leben in einer dauerhaften gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Als Gründe für eine homosexuelle Orientierung bei Männern werden zwei Erklärungen diskutiert: (1) Der Geburtsfolge-Effekt bei Brüdern und (2) genetische Einflüsse, die für das Darwinsche Paradoxon eine mögliche Erklärung geben. Kennzeichnend für lesbische und schwule Partnerschaften ist, dass sie keine durchgängige Rollenübernahme praktizieren, häusliche Tätigkeiten zumindest in früheren Abschnitten fair aufteilen. Erst nach Stabilisierung ihrer Beziehung erfolgt oft eine Spezialisierung in der Übernahme häuslicher Tätigkeiten. Die Dauer homosexueller Partnerbeziehungen ist tendenziell etwas kürzer als diejenige heterosexueller.

8. Mit der späteren Eheschließung geht einher, dass auch der Kinderwunsch später verwirklicht wird. Frauen, die ihr erstes Kind im 4. Lebensjahrzehnt empfangen, verfügen insgesamt über einen höheren Bildungsgrad und über ein überdurchschnittliches Einkommen. Insgesamt verringert sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Geburtenrate ständig. Als Gründe für den Geburtenrückgang in neuer Zeit werden erweiterte Wahlmöglichkeiten infolge allgemeiner Wohlstandsteigerung, keine gesicherten Einkommensverhältnisse während der Rushhour des Lebens, Schwierigkeiten in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, befürchtete Verringerungen des Lebensstandards und eine ungesicherte Zukunftsperspektive von Partnerschaften diskutiert.

9. Für Paare mit Kind besteht die Tendenz einer abnehmenden Zufriedenheit mit der Partnerbeziehung bis zu dem Zeitpunkt, da das letzte Kind das Elternhaus verlässt. Die Zufriedenheit wird vor allem beeinträchtigt, wenn die Partner ihre Freiheit als eingeschränkt wahrnehmen und Rollenkonflikte durch die Übernahme der Elternrolle austragen. Zusätzliche Probleme entstehen, weil an die Erziehung in der Gegenwart gesteigerte Anforderungen gestellt werden. Auch die Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kindern sind aufwendiger geworden, weil im Laufe der Zeit aus einem Befehls- ein Verhandlungshaushalt geworden ist.

10. Die meisten Eltern durchleben nicht das Syndrom des »leeren Nests«, wenn das letzte Kind auszieht. Schwierigkeiten entstehen allenfalls dann, wenn die Eltern ihre Identität vor allem über die Betreuung der Kinder definiert haben. Frauen, die während der aktiven Elternzeit berufstätig waren, verkraften die räumliche Trennung zu ihren Kindern in der Regel sehr viel schneller. Mit negativen Gefühlen reagieren Eltern vielfach, wenn erwachsene Kinder zurückkehren, um wieder bei ihnen einzuziehen.

11. Anthropologen schätzen, dass es erst vor 30 000 Jahren zu einem steigenden Anteil von Menschen gekommen ist, die ein höheres Alter und damit noch die Chance besaßen, die Geburt ihrer Enkel mitzuerleben. Die altersmäßigen Voraussetzungen zum Hineinwachsen in die Großelternschaft könnte einen evolutionsbiologischen Vorteil darin gehabt haben, dass die – vor allem von der Großmutter – gebotene arbeitsmäßige Entlastung der Tochter es dieser ermöglich hat, ihre Fruchtbarkeitsrate zu steigern. Großeltern haben vielfach das Gefühl, eine enge Beziehung zu den Enkelkindern zu haben. Großeltern besitzen die Funktion, kulturelle Werte zu vermitteln, sie sind Wahrer der Familientradition und oft Unterstützer in finanziellen Angelegenheiten. Die zeitweilige Betreuung von Enkelkindern ist die am häufigsten genannte Funktion von Großeltern.

12. In vielen Industrienationen wird annähernd jede zweite Ehe wieder geschieden. Das Risiko einer Trennung ist nach einer Ehedauer von 4 bis 6 Jahren besonders hoch. Diese Tendenz ist durch mehrere Entwicklungen der jüngeren Zeit begünstigt worden: Frauen sind bei eigener Berufstätigkeit unabhängiger und damit in der Lage, sich im Falle einer gescheiterten Ehe selbst zu versorgen. Ehen werden heutzutage mit emotionalen Erwartungen derartig überfrachtet, dass ihnen viele Menschen nicht mehr entsprechen können. Eine Scheidung stellt stets ein kritisches Lebensereignis dar, das für die Partner mit höchsten Belastungen verbunden ist. Das höchste Stressniveau wird vielfach erlebt, bevor der Entschluss für eine Trennung erfolgt ist; auf zweithöchstem Niveau ist der Stress zum Zeitpunkt der Entscheidung, das Zusammenleben zu beenden, und der geringste Stress tritt nach erfolgter Trennung auf.

13. Kinder sind stets Mitbetroffene, wenn Eltern ihr Zusammenleben durch Scheidung beenden. Grundsätzlich gilt, dass eine Scheidung die Entwicklung der Kinder – wenigstens vorübergehend – umso mehr beeinflusst, je jünger diese sind. Während Vorschulkinder zumeist Schwierigkeiten haben, den mit einer Scheidung der Eltern verbunden Prozess kognitiv zu verstehen, gelingt es Jugendlichen, zumindest die Hintergründe für diesen Prozess nachzuvollziehen. Obwohl es bei Kindern unmittelbar nach der Trennung zu Verhaltensauffälligkeiten kommen kann, ist mit Langzeitfolgen in der Regel nicht zu rechnen. Der Mehrheit der Kinder gelingt es nach einiger Zeit, sich den veränderten Bedingungen anzupassen.

14. Wegen der gestiegenen Anzahl von Scheidungen besitzt ein Neugeborenes heute und in Zukunft eine Wahrscheinlichkeit von 50 %, Mitglied einer Stieffamilie zu werden. Stiefeltern müssen zu Beginn einer neuen Beziehung mit Anpassungsproblemen rechnen. Je jünger Kinder einer Stieffamilie sind, desto eher gelingt es, sie in den neuen Verbund zu integrieren.

15. Die Verwitwung zählt allgemein zu den negativsten Ereignissen im menschlichen Lebenslauf, vergleichbar mit dem Verlust eines Kindes. Von diesem Schicksal sind Frauen häufiger als Männer betroffen. Auf den Tod des Lebenspartners erfolgt zumeist eine Absenkung der Gesundheit, das Sterbensrisiko der Überlebenden ist erhöht. Freunde und Verwandte können den Trauernden dadurch helfen, dass sie ihnen emotionale und instrumentelle Unterstützung anbieten. Depressionen Verwitweter lassen sich leichter überwinden, wenn diese zur Übernahme von Aufgaben bereit sind, die dem eigenen Leben einen Sinn geben.

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Kapitel 6

Der Erwachsene in Beruf und Freizeit


Zusammenfassung

1. Infolge der Globalisierung haben sich die Lebensbedingungen für die meisten in Industrienationen lebenden Menschen in erheblichem Maße geändert. An den heutigen Arbeitnehmer werden im Vergleich zu früher andere und tendenziell höhere Anforderungen gestellt.

2. Durch die Globalisierung haben sich nicht nur die Beschäftigungsbedingungen, sondern ebenso die Sozialbeziehungen geändert. In der Arbeitswelt wird hohe Flexibilität gefordert, sowohl in den Arbeitszeiten als auch in Hinblick auf den Beschäftigungsort. Dadurch bestehen keine günstigen Voraussetzungen für die Aufnahme dauerhafter Partnerschaften oder gar für eine Familiengründung.

3. Viele Berufseinsteiger erwartet heute eine »grenzenlose Karriere«, bei der sie im Verlauf ihrer beruflichen Entwicklung nicht bei einem oder nur wenigen Unternehmen verbleiben. Bei einer grenzenlosen Karriere gestalten Arbeitnehmer ihre berufliche Laufbahn nach individuellen Entscheidungen. Dieses gesteigerte Maß an Selbstbestimmung ist auch kennzeichnend für das, was man eine proteische Karriere genannt hat.

4. Von einer globalisierten Welt geht der Appell an sämtliche Industrienationen und Schwellenländer, die Standards der Einrichtung für Aus-, Fort- und Weiterbildung entscheidend zu erhöhen, damit hoch qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Nur durch lebenslanges Lernen kann es Arbeitskräften gelingen, mit technischen Veränderungen Schritt zu halten.

5. Unter den Autoren, die während des letzten Jahrhunderts Theorien zur Entwicklung von beruflichen Laufbahnen vorgelegt haben, nimmt Donald Super eine herausragende Position ein. Ein zentraler Begriff in Supers Theorie ist das Selbstkonzept. Dem allgemeinen Selbstkonzept entnimmt ein Mensch, welche Fähigkeiten, Persönlichkeitsmerkmale und Werte er sich zuschreibt. Das berufliche Selbstkonzept beinhaltet die Merkmale, die im Beruf für einen Menschen relevant sind. Super beschreibt mehrere Phasen während des Erwachsenenalters: Exploration, Etablierung, Erhaltung, Rückzug und Ruhestand.

6. Während der Etablierungsphase bietet sich die Möglichkeit, von älteren, mit umfangreichen Erfahrungen ausgestatteten Kollegen wertvolle Anregungen und Hilfe für die weitere Karriere zu erhalten. Ein Mentor kann folgende wichtige Funktionen übernehmen: eine karrierebezogene, eine psychosoziale sowie eine Vorbildfunktion. Ein Mentor ist ein Mitarbeiter in einem Unternehmen, der seinem Protegé die informellen Regeln des Betriebes übermittelt.

7. Holland lässt sich in seiner RIASEC-Theorie von der Annahme leiten, dass Menschen Berufswahlentscheidungen in der Weise treffen, dass es zu einer optimalen Passung zwischen ihrem individuellen Typus und ihren beruflichen Interessen kommt. John Holland hat sechs Persönlichkeitstypen identifiziert, die sich für jeden Beruf in kennzeichnender Weise kombinieren.

8. In der Vergangenheit herrschte lange die Sichtweise vor, dass die körperliche und kognitive Leistungsfähigkeit älterer Menschen im Arbeitsprozess von Abbau gekennzeichnet sind. Auch in der Gegenwart wird man auf Diskrepanzen aufmerksam, die man als »brisantes Paradox der Altersforschung« bezeichnet. Danach schneiden unter experimentellen Bedingungen ältere Menschen vielfach schlechter als jüngere ab, wenn man unter diesen Bedingungen Höchstanforderungen stellt. Sofern keine besonderen Funktionen, wie etwa schnelle Reaktionsfähigkeit, gefordert werden, treten die Leistungsunterschiede zwischen Jüngeren und Älteren am Arbeitsplatz üblicherweise nicht in Erscheinung.

9. Obwohl ältere Frauen und Männer seltener als Jüngere das Opfer von Arbeitsunfällen werden und weniger krankheitsbedingte Fehlzeiten aufweisen, fallen arbeitsbedingte Verletzungen, wenn sie dann auftreten, schwerwiegender aus. Entsprechend benötigen ältere Arbeitnehmer längere Zeit der Erholung, bis sie wieder arbeitsfähig werden.

10. Ältere Arbeitnehmer sind in wachsendem Maße bereit, aktiv an Weiterbildungsmaßnahmen teilzuhaben. Lehrende, die solche Kurse gestalten, sollten für eingeschränkte Leistungsfähigkeit der Seh- und Hörorgane ihrer Teilnehmer sensibilisiert sein und geeignete Maßnahmen in Schriftwahl und Sprache ergreifen, um die Kommunikation mit Älteren den Möglichkeiten ihrer Aufnahmefähigkeit anzupassen.

11. Burnout stellt das Ergebnis einer länger einwirkenden Stressbedingung dar, die schließlich zu andauernder Erschöpfung führt. Es werden folgende drei Burnout-Symptome unterschieden: Emotionale Erschöpfung, Depersonalisation und verminderte subjektive Leistungsbewertung. Burnout findet sich vor allem in Berufen, in denen soziale Dienste erbracht werden. Maßnahmen zum Abbau von Burnout können auf individueller Ebene und durch Veränderung der Arbeitsbedingungen erfolgen.

12. Mit der Erhöhung der Lebenserwartung haben viele Menschen nach Eintritt in den Ruhestand einen zusätzlichen Lebensabschnitt vor sich, der ihnen die Möglichkeit gibt, im fortgeschrittenen Alter mit dem eigenen Leben zu experimentieren. Die meisten Menschen entwickeln infolge des Überganges vom Berufsleben in den Ruhestand zwar keine Krankheiten, erleben dieses kritische Lebensereignis aber als stressvoll. Ein solcher Übergang kann aber mit gesteigerten Selbstwirksamkeitserwartungen und mit hoher psychologischer Widerstandsfähigkeit gut bewältigt werden. Auch dauerhafte und befriedigende soziale Beziehungen können den Stress mindern, der mit dem Übergang in einen neuen Lebensabschnitt verbunden ist.

13. Man erwartet in seiner Freizeit, Aktivitäten ausüben zu können, die bevorzugte Erfahrungen ermöglichen, die also »Spaß machen« und Befriedigung verschaffen. Im Lebensabschnitt des frühen Erwachsenenalters besteht eine gesteigerte Tendenz, bereits ausgeübte Freizeitaktivitäten durch andere und neue zu ersetzen. In nachfolgenden Abschnitten des Erwachsenenalters wird immer häufiger auf Aktivitäten zurückgegriffen, die einem bereits länger vertraut sind.

14. Während in früheren Abschnitten des Erwachsenenalters noch »aufregende« Beschäftigungen gesucht werden, vermindert sich bei den meisten Menschen im Verlauf der weiteren Entwicklung während des mittleren Erwachsenenalters allmählich die Häufigkeit der Ausübung anstrengender und aufregender Aktivitäten, um Freizeit stattdessen öfter in der häuslichen Umwelt oder im Kontext der Familie zu verbringen.

15. Das subjektive Wohlergehen eines Menschen hängt in nicht unerheblichem Maße davon ab, ob er bevorzugt Aktivitäten nachgeht, die ihn kognitiv und körperlich herausfordern (Arbeiten im Garten, Fertigen von Gerichten, Malen usw.) oder ob er überwiegend Beschäftigungen sucht, die sich im Konsum erschöpfen. Kognitiv anregende Tätigkeiten mindern das Risiko, dement zu werden, während übermäßiger Fernsehkonsum absenkend auf die Lebenserwartung wirkt.

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Kapitel 7

Sterben und das Ende des Lebens


Zusammenfassung

1. Eine reife Vorstellung vom Tod besteht aus den vier Komponenten Nonfunktionalität, Irreversibilität, Universalität und Kausalität. Diese vier Komponenten sind gegeben, wenn ein Mensch die Erkenntnis erlangt hat, dass der Tod jegliches Leben auf Erden irgendwann beendet, dass dieser unvermeidlich ist und nicht rückgängig zu machen ist und eintritt, nachdem sämtliche lebenswichtigen Funktionen des Körpers zusammengebrochen sind. Spätestens am Ende der konkret-operationalen Phase haben Kinder Verständnis für diese vier Komponenten entwickelt.

2. Gedanken an den Tod treten bei vielen Menschen vergleichsweise häufig auf. Das mit Gewissheit irgendwann eintretende Lebensende lässt Todesfurcht entstehen. Das Thema Tod wird in der Adoleszenz vielfach noch ignoriert und führt gehäuft zu Risikoverhalten. Die Todesfurcht ist allgemein im frühen Erwachsenenalter besonders stark ausgeprägt, um dann während des mittleren Erwachsenenalters und des späteren Erwachsenenalters kontinuierlich abzunehmen. Es besteht ein »Gender-Effekt«, wonach Frauen üblicherweise über eine höhere Todesfurcht berichten als Männer. Sehr alte Menschen haben gewöhnlich verhältnismäßig wenig Todesfurcht und können mit dem irgendwann erfolgenden Ende ihres Lebens besser umgehen als Frauen und Männer im frühen und mittleren Erwachsenenalter.

3. Die von Sozialpsychologen entwickelte Terror-Management-Theorie besagt, dass die bei Menschen bestehende Gewissheit, irgendwann sterben zu müssen, lähmende Angst auslöst. Nach dieser Theorie wirken kulturelle Weltsichten als Angstpuffer, denn sie geben dem Menschen das Gefühl, lange zu leben oder gar unsterblich zu sein, wenn sie sich daran beteiligen, etwas hervorzubringen, was nach ihrem Tod fortbestehen wird. Als weiteren Angstpuffer nennen Vertreter der Terror-Management-Theorie das Selbstwertgefühl.

4. In praktisch allen westlich orientierten Industrieländern besteht eine Tendenz, das Sterben aus dem häuslichen Umfeld zu verbannen und Todkranke in Kliniken und Pflegeanstalten zu überweisen. Deshalb besteht die Gefahr, dass Sterbende vor Eintritt des biologischen Todes einen sozialen Tod erleiden. Von einem sozialen Tod spricht man, wenn Sterbende in ihren letzten Tagen und Stunden allein gelassen werden. Eine menschenwürdige Sterbebegleitung besteht darin, dass sehr enge Freunde und Verwandte dem Sterbenden ihre fortbestehende Liebe zusichern und ihn über seinen Zustand nicht täuschen.

5. Elisabeth Kübler-Ross hat durch ihre Gespräche mit Sterbenden Pionierleistungen erbracht. Auf der Grundlage ihrer Erfahrungen entwickelte sie die Auffassung, dass Sterbende eine Abfolge von fünf Stufen durchlaufen würden: Negation, Zorn, Verhandeln, Niedergeschlagenheit und Zustimmung. Die Ergebnisse nachfolgender Untersuchungen konnten nicht bestätigen, dass Sterbende stets die Stufen in der genannten Reihenfolge durchlaufen, wohl aber das Sterbende vielfältige Reaktionen offenbaren, zu denen auch jene gehören können, die Kübler-Ross beschrieben hatte. Anerkannt bleibt in jedem Fall, dass Kübler-Ross durch ihr Wirken gesellschaftliche Denkweisen verändert hat und dem Sterbenden dadurch wieder mehr Menschenwürde entgegengebracht wird.

6. Behauptungen, nach denen es sterbenskranken Menschen durch Kampfgeist oder intensives Wünschen gelingen soll, den Tod noch hinauszuschieben, haben sich bislang nicht bestätigen lassen. Zurzeit gibt es keine überzeugenden Belege, dass psychologische Einwirkungsmöglichkeiten den Todeszeitpunkt sterbender Menschen mitbestimmen können. Nur die Medizin verfügt über wirksame Maßnahmen, auf die Lebensdauer von Krebspatienten in einem gewissen Maße Einfluss zu nehmen.

7. Ziel der Palliativmedizin ist es, etwaiges Leiden des Sterbenden zu lindern. Diskutiert wird in letzter Zeit verstärkt, wie man einem unheilbar Kranken eine möglicherweise zum Abschluss seines Lebens einsetzende Leidensphase verkürzen kann. Man unterscheidet zwei Formen der Sterbehilfe: Aktive Sterbehilfe besteht darin, Maßnahmen einzuleiten, etwa die Verabreichung tödlich wirkender Medikamente, die den Tod herbeiführen. Im Falle passiver Sterbehilfe wird das Leben eines Menschen vorzeitig dadurch beendet, dass keine Behandlungen mehr eingeleitet werden, die das Leben des Sterbenden künstlich verlängern.

8. Bei Nahtoderlebnissen handelt es sich um eine Abfolge subjektiver Erfahrungen, die von solchen Menschen mitgeteilt worden sind, die dem Tod bereits außerordentlich nahegekommen sind. Besonders häufig wird von einem Tunnelerlebnis und einer Außer-Körper-Erfahrung berichtet. Strittig ist weiterhin, ob solche Erlebnisse nur unter bestimmten Bedingungen auftreten oder ob sie Hinweise auf ein Leben nach dem Tod geben können. Auffallend ist, dass sich seriöse Fachzeitschriften neuerdings einer Diskussion dieses Phänomens nicht mehr völlig verschließen.

9. Bereits mehrere Jahre vor dem Lebensende kann es zu einem terminalen Absinken der kognitiven Leistungsfähigkeit kommen. Aus medizinischer Sicht wird der Tod eines Organismus definiert als derjenige Zustand, von dem an lebenswichtige körperliche Organe nicht mehr funktionieren. Der Zeitpunkt des Todeseintritts ist neuerdings wegen des Einsatzes lebenserhaltender Maßnahmen schwerer zu bestimmen. Allgemein wird anerkannt, dass das Leben eines Menschen beendet ist, wenn der Tod des gesamten Gehirns eingetreten ist. Wenn ausschließlich ältere Hirnzentren überleben, die auch den Herzschlag und die Atmung kontrollieren, kann es zu einem Teilhirntod kommen, durch den ein dauerhafter vegetativer Zustand entsteht.

10. Der Verlust eines Menschen, zu dem Überlebende dauerhafte und tiefe sozialemotionale Bindungen entwickelt haben, wie etwa der Lebenspartner, gehört zu den stressvollsten Ereignissen, die Menschen erfahren können. Hinterbliebene reagieren in der Regel mit Trauer auf den Tod eines nahen Angehörigen. Wie sie ihre Trauer bekunden, wird von der jeweiligen Kultur bestimmt, in der sie leben. Trauer als Prozess zur Anpassung an eine veränderte Lebenssituation kann längere Zeit in Anspruch nehmen. Nach einer nicht mehr akzeptierten Auffassung müssen Trauernde lernen, ihre Bindungen zum Verstorbenen zu lösen. Inzwischen besteht die Überzeugung, dass eine Bindung zwischen den Hinterbliebenen und dem Verstorbenen erhalten bleiben sollte.

11. Das duale Prozessmodell der Trauer geht von zwei verschiedenartigen Stressoren aus, die mit den Trauerreaktionen verbunden sind: einer Verlust- und einer Wiederherstellungs-Orientierung. Stressoren, die das Modell Wiederherstellungs-Orientierung nennt, haben mit der Anpassung des Überlebenden an seine veränderte Lebenssituation zu tun. Den meisten Menschen gelingt es, ihre schmerzlichen Emotionen und Gedanken an den Verstorbenen nach 6 bis 12 Monaten wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. In solchen Fällen spricht man von einfachen Trauerreaktionen. Im Gegensatz dazu reagieren einige Überlebende mit komplizierten Trauerreaktionen, die lange andauern können und anzeigen, dass Betroffene selbst außerstande sind, ihr Leben in für sie erträglicher Weise fortzusetzen und die sie belastenden Trauerreaktionen zu überwinden.

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