Klinische Psychologie – Grundlagen (2., überarb. Aufl.)

Kapitelübersicht


Kapitel 1

Modelle der Klinischen Psychologie


Zusammenfassung

Die Klinische Psychologie umfasst die Störungslehre (Psychopathologie), die klinisch-psychologische Diagnostik, die Beratung und die Psychotherapie. Grundlegend für das Fach ist es, die Begriffe von psychischer Normalität/Gesundheit und Störung/Krankheit gegeneinander abzugrenzen. Diese Abgrenzung erfolgt anhand von Normvorstellungen. Psychische Störungen und psychische Gesundheit sind zu definierende psychologische Konstrukte. Ressourcen und psychische Stärken sind komplementäre Aspekte der Störungslehre und klinisch-psychologischen Diagnostik. Die Entwicklung der Störungslehre war eng mit der Psychiatrie verbunden.

Historisch gesehen, wurde die hirnpathologische Sichtweise durch die psychogenetische Perspektive ergänzt. Wichtigste Vertreterin der psychogenetischen Sichtweise war damals die Psychoanalyse. Heute existieren mehrere Grundmodelle der Störungslehre nebeneinander: Die einflussreichsten sind das medizinische, das psychodynamische und das lerntheoretische Modell. Für die Beschreibung und Erforschung psychischer Störungen ist heute das bio-psycho-soziale Modell grundlegend, das durch einen jeweiligen störungsspezifischen Fokus ergänzt wird. Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell bzw. Diathese-Stress-Modell ergänzt das bio-psycho-soziale Modell um Zeitverlaufs- und dynamische Aspekte. Es wird wiederum komplettiert durch die Einbeziehung des Ressourcenaspekts.


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Kapitel 2

Lern- und sozialpsychologische Grundlagen


Zusammenfassung

Lerntheorien spielen eine herausragende Rolle im Bereich der Klinischen Psychologie, sowohl für die Erklärung psychischer Probleme als auch für deren Behandlung.

Die klassische Konditionierung beschreibt eine Form des assoziativen Lernens, bei dem neutrale Reize mit biologisch gebahnten Reiz-Reaktions-Verbindungen gekoppelt werden und dadurch zum Auslöser einer Reaktion werden. Eine weitere Erklärung für menschliche Verhaltensweisen liefert das Verstärkungslernen (operante Konditionierung), nach dem die Ausformung eines Verhaltens von den erlebten Verhaltenskonsequenzen abhängig ist.

Nicht assoziative Formen des Lernens werden durch Theorien zum einsichtsbedingten Lernen aufgrund der Ausbildung kognitiver Repräsentationen sowie durch Beobachtungs- und Modelllernen beschrieben. Sozialpsychologische Theorien erweitern das grundlegende Verständnis psychischer Störungen, deren Entstehung und Aufrechterhaltung. Dabei wirken sich sozialpsychologische Faktoren jedoch selten als Hauptursache im Sinne einer direkten Kausalität aus. Häufig hingegen stellen sie zusammen mit anderen Einflussfaktoren Moderatorvariablen dar, die zur Aufrechterhaltung von psychischen Störungen beitragen. Diese Wirkmechanismen in experimentellen Studien oder Interventionsstudien nachweisen zu können, stellt eine große Herausforderung dar. Komplexe Längsschnittstudien sind notwendig, um solche Bedingungen und Wechselwirkungen kontrolliert analysieren zu können.

 

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Kapitel 3

Kognitionspsychologische Grundlagen


Zusammenfassung

Kognitive Modelle haben in der Klinischen Psychologie zu einer rasanten Weiterentwicklung der theoretischen Konzepte und der experimentellen Erforschung von psychischen Störungen beigetragen. Darüber hinaus hat das verbesserte Verständnis von psychischen Störungen aufgrund der kognitiven Konzepte auch zu einer enormen Erweiterung und Fortentwicklung von therapeutischen Methoden angeregt. Durch die Berücksichtigung der Forschung ist die Kognitive Therapie zu einer der effektivsten Behandlungsansätze geworden.

Kognitive Modelle psychischer Störungen gehen davon aus, dass zwei Faktoren zur Entwicklung psychischer Störungen beitragen: (1) Dysfunktionale kognitive Schemata als Verarbeitungsmuster, die zu störungsspezifischen Verzerrungen im Denken und emotionalen Symptomen beitragen, und (2) fehlerhafte Prozesse der Informationsverarbeitung, insbesondere der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses und der Interpretation von Erfahrungen.

Kognitive Modelle der Depression sehen in spezifischen kognitiven Schemata, die sich auf Verlust und persönliches Versagen konzentrieren und eine negative Sicht des Selbst, der Welt und der Zukunft beinhalten, die spezifische Ursache für die Entwicklung der Störung. Demgegenüber beziehen sich die kognitiven Schemata bei Angststörungen auf die Wahrnehmung von Bedrohung: z. B. körperliche Katastrophen bei Panikstörung, soziale Abwertung bei Sozialer Angststörung, die weiterhin bestehende Lebensgefahr bei Posttraumatischer Belastungsstörung.

Für Angst und Depression ergab die experimentelle Forschung teilweise kontrastierende Ergebnisse. Angstpatienten, nicht jedoch Depressive, weisen konsistent eine Aufmerksamkeitsverschiebung in Richtung auf Gefahrenreize auf der Ebene automatischer Informationsverarbeitung auf. Fehlerhafte Gedächtnisprozesse sind vor allem für depressive Patienten typisch. Für die Interpretation von zweideutigen Informationen zeigt sich über alle Angststörungen und Depression hinweg eine durchgängige Verzerrung in Richtung auf einen störungsspezifischen Fehler. Generell lassen sich die Ergebnisse zu Informationsverarbeitungsprozessen größtenteils in Einklang mit den kognitiven Modellen interpretieren.

 

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Kapitel 4

Entwicklungspsychopathologische Grundlagen


Zusammenfassung

Bei der Entwicklungspsychopathologie handelt es sich um ein interdisziplinäres Gebiet, das einen Beitrag zum Verständnis von Entstehung, Ursachen und Verlauf psychischer Störungen leistet. Der Vergleich und die Gegenüberstellung von unauffälligen und abweichenden Entwicklungsverläufen über die gesamte Lebensspanne sind hierbei zentral. Die Entwicklungspsychopathologie liefert wichtige Erkenntnisse über Entwicklungspfade, Risiko- und Schutzfaktoren, Resilienz und Vulnerabilität einer Person. Verschiedene grundlegende Begriffe der Entwicklungspsychopathologie (Entwicklungspfade, Multi- und Äquifinalität, Kompensationsfaktoren, Ressourcen) werden in diesem Kapitel erläutert. Einige Konzepte der Entwicklungspsychopathologie werden mithilfe eines Entwicklungsmodells der ADHS nach Schmidt und Petermann (2008) und am Bespiel der Komorbidität von Angststörungen und Depression verdeutlicht.

Besondere Beachtung findet in der Entwicklungspsychopathologie der bisherige Verlauf von Anpassung und Fehlanpassung gegenüber altersspezifischen Anforderungen. Die Identifikation von Vorboten einer Fehlanpassung und die Kenntnisse in der Entwicklungspsychopathologie auf dem Weg zu einer psychischen Störung ermöglichen den rechtzeitigen Einsatz von präventiven Maßnahmen. Aus den empirischen und theoretischen Erkenntnissen der Entwicklungspsychopathologie lassen sich Empfehlungen ableiten, wann ein Interventionserfolg am effektivsten und nachhaltigsten erzielt werden kann, wie die Intervention aufgebaut werden sollte, wer an der Intervention teilnehmen sollte (z. B. kindzentrierte vs. familienbasierte Interventionen) und unter welchen Umständen eine Maßnahme wiederholt werden sollte.

 

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Kapitel 5

Vom Symptom zur Diagnose: Allgemeine Grundlagen und Beispiele


Zusammenfassung

Der diagnostische Prozess in der Klinischen Psychologie ist ein wechselseitiger Schlussfolgerungsprozess zwischen Hypothesengenerierung durch Beobachten und Informationssammeln einerseits und Hypothesenprüfung durch Vergleich mit den existierenden Symptom-, Syndrom- bzw. Diagnosedefinitionen andererseits.

Im klassischen Rosenhan-Experiment mit Probanden, die sich in psychiatrischen Kliniken nur mit Einzelsymptomen vorstellten, wurde gezeigt, dass ein vorschnelles Schlussfolgern zu falschen (unreliablen) Diagnosen und negativen Konsequenzen für die Betroffenen führt.

Die kategoriale Diagnostik, deren wichtigste Vertreterin die klassifikatorische Diagnostik ist, ermöglicht eine einheitliche Fachsprache für klinische, wissenschaftliche und versicherungsrechtliche Zwecke. Die dimensionale Diagnostik umfasst das Ausmaß von Eigenschaften und Merkmalen.

Die beiden verbreiteten Störungsklassifikationssysteme, namentlich die ICD der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das DSM der American Psychiatric Association (APA), haben neben überwiegenden Gemeinsamkeiten einige kennzeichnende Unterschiede. Die Ressourcendiagnostik erfolgt durch die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) der WHO.

 

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Kapitel 6

Klassifikation psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen


Zusammenfassung

Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen können mithilfe kategorialer und dimensionaler Klassifikationssysteme beschrieben werden. Während kategoriale Systeme psychische Störungen als klar abgegrenzte Krankheitseinheiten auffassen, stellen dimensionale Systeme diese als kontinuierlich verteilte Merkmale dar. Zu den bekanntesten kategorialen Klassifikationssystemen zählen die ICD-11 und das DSM-5; das verbreiteteste dimensionale Klassifikationssystem bildet das Achenbach System of Empirically Based Assessment (ASEBA).

Im Kindes- und Jugendalter lässt sich insbesondere zwischen Störungen der neuronalen und mentalen Entwicklung und Verhaltensstörungen unterscheiden; letztgenannte Kategorie kann in externalisierende und internalisierende Verhaltensstörungen differenziert werden.

Die Diagnostik der Störungen der neuronalen und mentalen Entwicklung stützt sich auf die Prinzipien der Diskrepanz- und Normalitätsannahme. Verhaltensstörungen werden anhand der Anzahl der beobachteten Symptome, dem Beginn und Verlauf der Symptomatik, ihrer klinischen Bedeutsamkeit sowie verschiedenen Ausschlusskriterien beschrieben.

 

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Kapitel 7

Klassifikation psychischer Störungen bei Erwachsenen


Zusammenfassung

Dieses Kapitel bietet einen Überblick über die wichtigsten Störungsgruppen und rund 40 Einzeldiagnosen psychischer Störungen bei Erwachsenen und älteren Menschen. Dabei werden die jeweiligen Symptome und Kriterien der Störungen dargestellt. Zu jeder Diagnosegruppe werden kurze Angaben zu Verlauf und Prognose sowie zur Ätiologie und zu allgemeinen Therapiegesichtspunkten gegeben, um die Unterschiede unter den Störungsgruppen zu verdeutlichen.

Die dargestellten psychischen Störungen werden in Bezug auf klinische Beratung und Interventionen in den verschiedenen Kapiteln des Lehrbuchs von Lutz et al. (2012) vertieft behandelt.

 

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Kapitel 8

Klinische Diagnostik: Anamnese, Exploration, psychometrische Ansätze


Zusammenfassung

Diagnostik ist in jeder Phase einer Behandlung bedeutsam, wobei sie jeweils unterschiedliche Funktionen erfüllt. Indikationsorientierte Diagnostik dient der Sammlung von Informationen zum Zwecke der Therapieplanung; dazu kommen unterschiedliche Methoden, wie freie Gespräche, Fragebögen, Tests, diagnostische Interviews, Verhaltensbeobachtung oder individuelle Zielformulierung zum Einsatz.

Daneben werden Therapien aber auch fortlaufend und abschließend evaluiert, um Anpassungen in der Behandlung vorzunehmen und ein für den Einzelfall bestmögliches Ergebnis zu erreichen. Veränderungen können unterschiedlich operationalisiert werden; bedeutsam ist hier insbesondere die Unterscheidung zwischen direkter und indirekter Veränderungsmessung.

 

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Kapitel 9

Epidemiologie und Versorgungsforschung


Zusammenfassung

Die vorgestellten Disziplinen (Epidemiologie, Versorgungsforschung, Qualitätssicherung) liefern Informationen über die Rahmenbedingungen, in denen Versorgungsleistungen stattfinden. Epidemiologie spielt eine besondere Rolle bei der Gewinnung von Wissen über die Verteilung und Ursachen von psychischen Störungen. Insbesondere durch ihren Anspruch einer möglichst hohen Generalisierbarkeit auf klar definierte Populationen liefert sie Informationen, die in Prävention, Intervention und Nachsorge dringend benötigt werden.

Die Versorgungsforschung versucht ein Bild über den Zugang der Menschen zu Versorgungsleistungen eines Gesundheitssystems zu zeichnen. Sie ist ein multidisziplinäres Forschungsfeld, das Bedarf und Abdeckung des Systems untersucht, Verbesserungsmöglichkeiten in der Versorgung zu identifizieren versucht und Auswirkungen von Veränderungen des Systems (z. B. neue Gesetze, neue Erkrankungen, neue Interventionsmöglichkeiten) evaluiert.

Die Qualitätssicherung ist ebenfalls multidisziplinär und wird im Gesundheitsbereich oft auch als Teil der Versorgungsforschung gesehen. Die spezielle Aufgabe dieses Feldes ist die Evaluation der Güte der Versorgung auf verschiedenen Ebenen des Angebots (Makro-, Meso-, Mikroebene) sowie bezogen auf verschiedene Qualitätsaspekte (Struktur, Prozess, Ergebnis).

 

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