Klinische Psychologie – Grundlagen

Fragen und Antworten zum 10. Kapitel


Frage 1

Welches sind typische Funktionen und Aufgaben der Diagnostik in der Psychotherapie?


Antwort zu Frage 1

Diagnostik hat die Aufgabe, den gegenwärtigen (psychischen) Zustand eines Patienten möglichst treffend zu beschreiben und diesen nach gegebenen Klassifikationssystemen einzuordnen. Darüber hinaus dient Diagnostik auch der Erklärung von (problematischen) Verhaltensmustern und kann zur Erstellung einer Prognose genutzt werden. Gleichzeitig sind ausgehend von diagnostischen Informationen Maßnahmen zur Intervention abzuleiten; Diagnostik unterstützt also die Indikationsstellung. Auf einer weiterführenden Ebene dient sie auch der Evaluation von Maßnahmen.

 

Diagnostik in der Psychotherapie hat nach Grosse Holtforth, Lutz und Grawe (2009) die Aufgaben einer Dokumentation des Behandlungsverlaufs, der Nutzung zu Supervisionszwecken, einer erleichterten Kommunikation innerhalb und zwischen den Fachdisziplinen sowie der Vorbereitung der Nachbehandlungsplanung.



Frage 2

Erklären Sie, was man unter dem Begriff der Anamnese in der Psychotherapie versteht.


Antwort zu Frage 2

Unter Anamnese versteht man den Prozess des Sammelns von Informationen und Patientendaten in freier, halb- oder vollstrukturierter Form in Bezug auf die aktuelle Problematik des Patienten. Dazu gehören biografische/familiäre, soziale, psychische und biologische/krankheitsgeschichtliche Aspekte.



Frage 3

Was bedeutet differenzielle Indikation?


Antwort zu Frage 3

Unter differenzieller (oder auch selektiver) Indikation versteht man die Zuweisung eines Patienten zu einer bestimmten Behandlung, zu einem bestimmten Therapiesetting und/oder zu einem bestimmten Therapeuten auf der Grundlage von Information über die Wirksamkeit bestimmter Maßnahmen. Aufgrund der gesammelten Informationen über einen Patienten, seiner Problematik, Geschichte und Eigenarten, werden am Einzelfall orientierte Entscheidungen darüber gefällt, welche Art von Maßnahmen hilfreich und zielführend sind.



Frage 4

Welche Vor- und Nachteile erkennen Sie in der Anwendung strukturierter diagnostischer Interviews?


Antwort zu Frage 4

Vorteil von vorstrukturierten Interviewverfahren ist, dass der Diagnostiker frei von subjektiven Hypothesen entlang eindeutig definierter Kriterien zu einer Diagnose kommt, und dass gezielt unterschiedliche Bereiche abgefragt werden (also auch solche, in denen für den Patienten möglicherweise aktuell nicht der größte Leidensdruck besteht, die er nicht von alleine berichtet, die aber dennoch relevant sind) und somit nichts „übersehen“ wird. Aufgrund der enthaltenen Sprungregeln und präzisen Formulierung der Diagnosekriterien führen solche Interviews auch bei weniger erfahrenen Diagnostikern zu validen Diagnosen.

 

Strukturierte Klinische Interviews, wie etwa das SKID, sind allerdings relativ zeitaufwendig; ihre Durchführung nimmt in der Regel mindestens eine Therapiestunde in Anspruch. Als Alternative für erfahrene Diagnostiker bieten sich Diagnosechecklisten an.



Frage 5

Wozu dient das SORKC-Modell und welches sind seine Kernvariablen?


Antwort zu Frage 5

Das SORKC-Schema stellt ein zentrales Element der funktionalen Problem- und Bedingungsanalyse in der Kognitiven Verhaltenstherapie dar. In ihm wird (problematisches) Verhalten in Situationen, gemeinsam mit vorausgehenden und nachfolgenden Bedingungen, anhand eines konkreten Beispiels festgehalten. Es dient dem besseren Verständnis von Reaktions- und Verhaltensweisen und möglicherweise aufrechterhaltenden Bedingungen und bietet damit Hinweise auf Ansatzpunkte der Veränderung. Im Kern des Modells steht das (problematische) Verhalten (Reaktion, R), welches auf den Ebenen der Emotionen, Kognitionen, physiologischen und motorischen Antwortbereitschaften genau beschrieben wird. Die Situation (S) erfasst alle sowohl direkt beobachtbaren als auch innerpsychischen Aspekte, die dieser Reaktion vorausgehen. Die sogenannte Organismusvariable (O) beinhaltet alle Faktoren, die auf die Wahrscheinlichkeit wirken, in einer bestimmten Art und Weise auf die Situation (S) zu reagieren. Dazu gehören z. B. biografische Erfahrungen und Persönlichkeitseigenschaften, aber auch biologische Determinanten (etwa Sättigung und Wachheitsgrad) und Informationsverarbeitungsprozesse. Rechts von den Verhaltens- und Reaktionsweisen werden deren unmittelbaren und längerfristigen Konsequenzen (C), deren Auftretenskontingenz (K) festgehalten.



Frage 6

Wozu dient die Diagnostik während laufender Therapien? Was unterscheidet Verlaufs- und Prozessevaluation?


Antwort zu Frage 6

Diagnostik im Therapieverlauf dient der fortlaufenden Beobachtung und Prüfung des therapeutischen Fortschrittes und liefert so einen Beitrag zur Qualitätssicherung in der psychotherapeutischen Versorgung. Ihre Ergebnisse können dem Therapeuten eine Grundlage dafür bieten, das eigene Vorgehen regelmäßig auf seine Zweckmäßigkeit hin zu überprüfen und im Sinne der definierten Therapieziele anzupassen (adaptive Indikation). So gehen sie auch häufig ein in Supervision und Intervision.

 

Verlaufsevaluation erfasst Veränderungen in den zu Beginn einer Behandlung definierten Problem- und Zielbereichen. Sie erfolgt meist in regelmäßigen Abständen im Verlauf der Behandlung, wobei häufig Selbstbericht-Fragebögen zur allgemeinen und störungsspezifischen Belastung zum Einsatz kommen. Als Ergänzung werden auch Therapietagebücher oder apparative Verfahren sowie Zielerreichungsskalen genutzt.

 

In der Prozessevaluation dagegen werden verschiedene Bestandteile des therapeutischen Prozesses, wie z.B. die Qualität der Therapeut-Patient-Interaktion, Selbstöffnung des Patienten, Störungen im Prozess oder die Wahrnehmung therapeutischer Wirkfaktoren erfasst. Dies geschieht meist durch Vorgabe kurzer Fragebögen zum Ende jeder Sitzung. Daneben erfolgt in der Regel eine freie Dokumentation zu Therapieinhalten und Prozessvariablen nach Abschluss jeder Sitzung durch den Therapeuten. Immer weitere Verbreitung erfährt auch die Dokumentation von Therapiesitzungen auf Video.



Frage 7

Beschreiben Sie den Unterschied zwischen direkter und indirekter Veränderungs- oder Erfolgsmessung.


Antwort zu Frage 7

Direkte Erfolgsmessung erfasst die Veränderung aus der Sicht des Patienten, des Therapeuten oder eines unbeteiligten Beobachters retrospektiv und nur zu einem Zeitpunkt im Vergleich zum Ausgangszustand. Ebenso kann retrospektiv die Zufriedenheit mit der Behandlung als ein Erfolgsmaß abgefragt werden. Indirekte Veränderungs- und Erfolgsmessung beruht auf Messwiederholung. Hier wird das gleiche Instrument, zum Beispiel ein störungsspezifisches Instrument, wiederholt vorgelegt und eine Bewertung der Veränderung über die Bestimmung von Differenzwerten erreicht.



 

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