Klinische Psychologie – Grundlagen

Fragen und Antworten zum 7. Kapitel


Frage 1

Bei welchen Symptomen ist es erforderlich, dass eine diagnostische Fremdbeurteilung vorgenommen wird und nennen Sie ein Beispiel dafür.


Antwort zu Frage 1

Bestimmte Symptome müssen von Außenstehenden beurteilt werden, zumal seitens des Patienten mitunter keine Einsicht hinsichtlich deren Abnormität vorliegt. Bei der Fremdbeurteilung können folgende Datenquellen hinzugezogen werden:

 

Verbale Information: Beispiel: Dissoziative Amnesie: Dissoziationen sind auf psychische Funktion beschränkt, welche u. U. nur fremdanamnestisch eruiert und aufgeklärt werden können, wie z.B. Erinnerungsverlust für zumeist aktuelle traumatisierende oder belastende Ereignisse (Unfälle, unerwartete Trauerfälle).

 

Nonverbale Information: Körperhaltung und Stimmlage, zum einen als Bestätigung für den Stimmungszustand oder zum anderen als Widerspruch zu Aussagen des Patienten, außerdem Gefühle des Diagnostikers – indessen vor und während des Gesprächs im Sinne der sogenannten Gegenübertragung (z.B. Missbrauch verursacht Misstrauen, diese spürt der Therapeut). Beispiel: Parathymie: Parathymie meint affektive Inadäquatheit – hierbei handelt es sich um eine Störung der Affektivität bzw. des Affektlebens, welche sich in Dissonanz zwischen dem gegenwärtigen Erleben und dem Gefühlsausdruck äußert (z.B. Lachen, während vom Tod einer nahestehenden Person berichtet wird).

 



Frage 2

Was war die hauptsächliche Schlussfolgerung aus dem klassischen Rosenhan-Experiment?


Antwort zu Frage 2

Das Rosenhan-Experiment zeigt den klassischen sogenannten Kunstfehler des nicht reliablen, vorschnellen Diagnostizierens im Sinne einer nicht allumfassenden Symptomerfassung bzw. unzureichenden Anamnese, wobei ein Symptom und ein Kriterium ausreichten, um weitreichende Diagnosen zu stellen und entsprechende Therapiemaßnahmen einzuleiten. Zwölf gesunde Probanden meldeten sich in Psychiatrischen Institutionen, nachdem sie ihr Äußeres willentlich hatten verwahrlosen lassen, wobei sie vorgaben, Stimmen gehört zu haben. Obwohl keinerlei weitere Symptome angegeben wurden, wurden sämtliche „Pseudopatienten“ stationär aufgenommen; elf erhielten eine schizophrene und einer eine bipolare affektive Störung diagnostiziert.

 



Frage 3

Kennzeichnen Sie die kategoriale und die dimensionale Diagnostik und nennen Sie für beide jeweils ein Anwendungsbeispiel.


Antwort zu Frage 3

• Im Rahmen der kategorialen Diagnostik wird eine Gruppierung der interessierenden Merkmale und die Einordung dieser Gruppen in ein System von Kategorien (Klassen) vorgenommen. Die zugrunde liegende Annahme dabei lautet: Es gibt sinnvolle Gruppierungen der zu diagnostizierenden Phänomene (z.B. auf Grund gemeinsamer Ätiologie, überzufällig gemeinsames Auftreten) und außerdem bestehen qualitative Unterschiede zwischen diesen Gruppen. Ein Beispiel hierzu ist die klassifikatorische Diagnostik, deren Diagnosekriterien sich im ICD und DSM wiederspiegeln, womit letztlich eine einheitliche Fachsprache für klinische, wissenschaftliche und versicherungsrechtliche Zwecke vorliegt.

 

• Bei der dimensionalen Diagnostik wird davon ausgegangen, dass beobachtete Phänomene bestimmten Dimensionen zugrunde liegen und auf einem Kontinuum angeordnet werden können. Feststellbare Unterschiede sind dabei v.a. quantitativer Natur und kontinuierlich verteilt. Qualitative Unterschiede können hierbei lediglich zwischen mehreren zugrunde liegenden Dimensionen bestehen. Für die Vergabe einer Diagnose wird die Ausprägung auf der oder den Dimensionen des Klassifikationssystems festgestellt. Als Beispiele für die Dimensionale Diagnostik können verschiedene Fragebögen genannt werden, z.B. Das Beck-Depressions-Inventar, BDI zur Erfassung der subjektiven Schwere einer Depression oder der Mehrdimensionale Befindlichkeitsfragebogen, MDBF, welcher die drei bipolaren Befindlichkeitsdimensionen “Gute-schlechte Stimmung“, “Wachheit-Müdigkeit“ und “Ruhe-Unruhe“ erfasst.

 



Frage 4

Welche Vorteile bietet die klassifikatorische Diagnostik?


Antwort zu Frage 4

Wenn die klassifikatorische Diagnostik verantwortlich angewandt wird, eröffnen sich vielerlei Vorteile: Eine bessere Kommunikation durch einheitliche und klar definierte Nomenklatur, außerdem die Notwendigkeit sinnvoller Informationsreduktion, da der idiografische Ansatz schwerer zu praktizieren ist, im Weiteren eine sogenannte ökonomische Informationsvermittlung durch implizite Aussagen über Störungsmerkmale, was letztlich eine einfache Handlungsanleitung für das praktische Vorgehen bietet. Dazu gehören eine sinnvolle Zuordnung von präventiven und therapeutischen Maßnahmen, die wissenschaftliche Erforschung psychischer Störungen (indessen von der Grundlagen- bis zur Versorgungsforschung), sowie die Versicherungsrechtliche, juristische Begutachtungs- und sozialverwaltungs-bezogene Regelung diagnosebezogener Fallgruppen. Nachteilig dabei ist die Gefahr der Stigmatisierung im Sinne der Vergabe diagnostischer Etiketten und auch der Informationsverlust infolge mangelnder detaillierten Beschreibung des Einzelfalls, außerdem die Gefahr der Verwechslung von Deskription und Erklärung und die Gefahr der Reifizierung künstlicher Einheiten, wobei Typologien zugrunde liegende Dimensionen verschleiern können.

 



Frage 5

Nennen Sie einige der im Kapitel diskutierten prinzipiellen Unterschiede zwischen dem ICD- und dem DSM-System.


Antwort zu Frage 5

• Im ICD-System werden neben den im Kapitel F aufgeführten psychischen Störungen auch sämtliche medizinisch-körperlichen Erkrankungen und Bedingungen aufgeführt, wohingegen das DSM-System auf psychische Störungen beschränkt ist.

 

• Im DSM-Klassifikationssystem werden die Diagnosen im Vergleich zum ICD-System trennschärfer und besser operationalisiert dargeboten – Gründe hierfür liegen v.a. in der Forschungsorientierung, d.h. beim DSM sind forschungsorientierte Gesichtspunkte zentral, wohingegen beim ICD v.a. auch die interkulturelle Perspektive und Anwendbarkeit (auch in Entwicklungsländern) wichtig ist.

 

• Das Eingangskriterium „klinisch bedeutsame Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen Funktionsbereichen“ ist im DSM beinahe bei jeder psychischen Störung aufgeführt; wohingegen beim ICD versucht wird, psychosoziale Kriterien bei der Entstehung einer Diagnose zu vermeiden (Grund: international, kulturelle Unterschiede).

 



Frage 6

Erläutern Sie das Reifizierungsproblem und nennen Sie als Beispiel eine Diagnose, die in diesem Zusammenhang diskutiert wird.


Antwort zu Frage 6

Der wichtigste Kritikpunkt am DSM-System betrifft das Reifizierungsproblem. Reifizierung meint das vorschnelle Anerkennen eines Konstrukts als bewiesene Realität – demnach eine Sonderform des Validierungsproblems. Im Allgemeinen kann postuliert werden, dass seit jeher eine starke Tendenz besteht, daran zu glauben, dass alles, was einen Namen erhalten hat, eine Einheit oder ein Wesen darstellen muss, welche über eine unabhängige eigene Existenz verfügt.

 

Als Beispiel sei an dieser Stelle die sogenannte „Burnout-Störung“ genannt, welche indessen keine offizielle ICD- oder DSM-Diagnose ist und trotzdem von vielen Therapieanbietern wie eine offizielle Diagnose behandelt wird. Dabei stellt sich in der Tat die Frage, ob man sich für den klinischen Status von Burnout einsetzen sollte, oder aber ob dieses vermeintliche Konstrukt eher entpathologisiert werden sollte, um Raum für spezifischere Diagnosen zu schaffen. Mitunter scheint Burnout vielmehr ein allgemeinpsychologisches Phänomen unserer Zeit zu sein, was in einem diagnostischen Trend resultiert.



Frage 7

Was beinhaltet das ICF (dt. Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit)?


Antwort zu Frage 7

Das ICF enthält eine länder- und fachübergreifende einheitliche Sprache zur Beschreibung des funktionalen Gesundheitszustandes und der relevanten Umgebungsfaktoren einer Person, ergänzt durch Behinderungen sowie soziale Beeinträchtigungen. Im Sinne eines ressourcenorientierten bio-psycho-sozialen Ansatzes veränderte die ICF die bisher vorherrschende medizinische Krankheitsorientierung; es werden die vier folgenden Bereiche differenziert: Fähigkeiten und Körperfunktionen, Aktivitäten und Partizipation sowie Umweltfaktoren.



 

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