Lehrbuch der Klinischen Kinderpsychologie

Fragen zu I. Grundlagen (Kapitel 1-6)


Fragen zum Kapitel 1


1. Was versteht man unter Klinischer Kinderpsychologie?

2. Welche Forschungs- und Anwendungsfelder der Klinischen Kinderpsychologie kennen Sie?

3. Welche Aufgabengebiete der Klinischen Kinderneuropsychologie und der Pädiatrischen Psychologie sind Ihnen bekannt?

4. Was versteht man unter einem biopsychosozialen Krankheitsmodell?

5. Welche Trends bestehen bei der Klassifikation und Diagnostik psychischer Störungen vor?


Antworten zu den Fragen aus Kapitel 1

Zu 1: Die Klinische Kinderpsychologie beschäftigt sich unter anderem mit der Entstehung, dem Verlauf, der Diagnostik, Prävention und Behandlung psychischer Störungen; sie wendet sich aber auch der Reduktion psychosozialer Belastungen bei chronisch-körperlichen Erkrankungen zu. Optimale Handlungsstrategien basieren auf empirisch abgesicherten Entwicklungsmodellen sowie der detaillierten Kenntnis von Risiko- und Schutzfaktoren der kindlichen Entwicklung.

Zu 2: Die Forschungs- und Anwendungsfelder beziehen sich vor allem auf die Bereiche Prävention und Gesundheitsförderung, Kinderpsychotherapie und Kinderrehabilitation. Besonders bedeutsam in der klinischen Praxis ist der Bereich der Kinderpsychotherapie.

Zu 3: Die Klinische Kinderneuropsychologie versucht, die neuropsychologischen Folgen von Hirnschädigungen zu erfassen und gezielt zu behandeln; besonders bedeutsam sind Lern- und umschriebene Entwicklungsstörungen (vgl. auch Tab. 2). Die Pädiatrische Psychologie überträgt Erkenntnisse und Methoden der Klinischen Kinderpsychologie auf die Behandlung und Betreuung körperlich kranker Kinder und Jugendlicher; hierbei kommt auch der Behandlung funktioneller und somatoformer Störung eine immer wichtigere Bedeutung zu.

Zu 4: Das biopsychosoziale Krankheitsmodell geht von komplexen Wechselwirkungen von neurobiologischen/genetischen und psychosozialen Einflüssen aus. Es ist wichtig, die Komplexität zu beachten, wenn man eine psychische Störung angemessen analysieren, verstehen und mit wissenschaftlich begründeten Methoden verändern will.

Zu 5: Wichtige Trends beziehen sich auf die Einführung von Klassifikationssystemen für Säuglinge und Kleinkinder (bis 3 Jahre), mit denen man entwicklungsbedingte Störungen erfassen kann. In diesem Zusammenhang spielen auch Entwicklungstests eine immer größere Rolle; ebenso bedeutsam ist die neuropsychologische Diagnostik.

 



Fragen zum Kapitel 2


1. Worin liegt der Unterschied zwischen der kategorialen und dimensionalen Klassifikation?

2. Welche Kriterien werden können in einer Diagnose berücksichtigt werden?

3. Welche Achsen werden in der multiaxiale Klassifikation nach ICD-10 berücksichtigt?

4. Wie hoch ist nach aktuellen Studien im Kindes- und Jugendalter die Prävalenz psychischer Störungen, die mit erheblichen Funktionseinschränkungen verbunden sind?


Antworten zu den Fragen aus Kapitel 2

Zu 1: In der kategorialen Klassifikation werden psychische Störungen als diskrete, klar voneinander abgrenzbare und unterscheidbare Krankheits- oder Störungseinheiten beschrieben. Die dimensionale Klassifikation beschreibt psychische Merkmale, die in ihrer Intensität kontinuierlich variieren können.

Zu 2: Für eine Diagnose müssen immer Symptome vorliegen, häufig muss dadurch zusätzlich eine klinisch bedeutsame Beeinträchtigung in der sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsfähigkeit verursacht sein. Außerdem dürfen bestimmte Ausschlusskriterien nicht zutreffen. Teilweise beziehen sich Diagnosekriterien auch auf den Beginn oder den Verlauf der Symptomatik und selten auf ätiologische Faktoren, die zur Entwicklung der Symptomatik beitragen.

Zu 3: Die sechs Achsen der multiaxialen Klassifikation nach ICD-10 sind: (1) psychische Störung (= klinisch-psychiatrisches Syndrom), (2) umschriebene Entwicklungsstörung, (3) Intelligenzniveau, (4) körperliche Symptomatik, (5) assoziierte aktuelle abnorme psychosoziale Umstände und (6) psychosoziale Anpassung.

Zu 4: Die Prävalenz psychischer Störungen, die mit erheblichen Funktionseinschränkungen verbunden sind, liegt etwa bei 12 bis 18%.



Fragen zum Kapitel 3


1. Sind Temperamentsmerkmale angeboren?

2. Was versteht man unter Entwicklungsaufgaben?

3. Was sind Schutzfaktoren?

4. Was ist ein epigenetischer Mechanismus?

5. Welche beiden Bedeutungen haben Affekte?


Antworten zu den Fragen aus Kapitel 3

Zu 1: Temperamentsmerkmale sind erblich bedingt und können durch psychosoziale Einflüsse modifiziert werden. Sie bewirken individuelle Unterschiede im Erleben und Verhalten von Kindern.

Zu 2: Entwicklungsaufgaben sind lebensalterstypische Herausforderungen, deren erfolgreiche Bewältigung zu Fertigkeiten und Kompetenzen in der Interaktion des Kindes mit seiner Umwelt führt.

Zu 3: Schutzfaktoren sind personen- und umgebungsbezogene Merkmale von Kindern, die schon vor dem Auftreten von Störungen bestehen und durch das Auftreten von Risikofaktoren aktiv werden, indem sie deren Wirkung abmildern oder aufheben.

Zu 4: Als epigenetische Mechanismen werden genregulatorische Mechanismen bezeichnet, die durch Umwelteinflüsse bedingt zu einer Genaktivierung oder Geninhibition in bestimmten Genabschnitten führen und damit die genetisch bedingte Erzeugung von spezifischen biologisch aktiven Proteinen beeinflussen. An inhibierten Genabschnitten wird keine RNA abgelesen und somit keine Vorlage für die Proteinproduktion in den Ribosomen hergestellt.

Zu 5: (a) Affekte bilden ein primäres Motivationssystem des Menschen, wodurch eine Prioritätensetzung in Wahrnehmung, Denken und Handeln erfolgt. (b) Affekte regulieren die soziale Interaktion. Schon das frühe Wechselspiel zwischen Eltern und Kind findet mithilfe von Affektausdrücken statt, die die Partner erkennen, imitieren und beantworten können.

 



Fragen zum Kapitel 4


1. Warum ist eine Abgrenzung einzelner Bereiche von Störungen in der frühen Kindheit oft schwierig?

2. Was gilt es bei der Beurteilung von Normabweichungen in der frühen Kindheit besonders zu beachten?

3. Worin bestehen wichtige Unterschiede in der Behandlung von Störungen bei Säuglingen und Kleinkindern im Vergleich zu älteren Kindern?

4. Was sind wichtige Zukunftsaufgaben für die Forschung, wenn es darum geht, die Diagnose und Behandlung von Störungen der frühen Kindheit zu verbessern?

 


Antworten zu den Fragen aus Kapitel 4

Zu 1:

• Körperliche und kognitive Entwicklung hängen zusammen, wenn eine allgemeine Reifungsverzögerung vorliegt (z.B. Small-for-gestation-Kinder). Zudem wurden kognitive Leistungen in der Vergangenheit häufig an motorischen Handlungen festgemacht (z.B. Suchverhalten zur Feststellung von Objektpermanenz bei Piaget).

• Störungen der körperlichen Entwicklung (z.B. Verdauung, Steuerung von Wachzuständen) können zu Problemen der Selbstregulation führen (z.B. Fütterstörungen, Exzessives Schreien, Schlafproblem) und umgekehrt.

• Bestimmte kognitive Prozesse (z.B. Aufmerksamkeitssteuerung) hängen empirisch eng mit Prozessen der Selbstregulation (insbesondere der emotionalen Regulation) zusammen.

• Emotionale und soziale Störungen können aus Schwierigkeiten bei der Selbstregulation resultieren und umgekehrt. Sie haben teilweise gemeinsame Ursachen.


Zu 2:

• Es liegen wenige Verfahren zur standardisierten Erfassung von Entwicklungen in der frühen Kindheit vor.

• Die zeitliche Variabilität von Entwicklungsverläufen ist zum Teil beträchtlich.

• Der prognostische Wert von gut erfassbaren Kriterien ist häufig noch nicht klar.

• Eine Diagnose sollte auf Daten unterschiedlicher Quellen und Experten basieren.


Zu 3:

• Säuglinge und Kleinkinder sind noch extrem abhängig von ihren Eltern. Der Schwerpunkt der Behandlung muss daher in einer guten Elternarbeit bestehen.

• Von einer Störung im Säuglingsalter ist in der Regel vor allem das Familiensystem betroffen. Hier kann es zu Überbelastungen kommen, die zur Entstehung von Sekundärsymptomen beitragen.

• Je früher Familien Hilfe erhalten, desto eher lassen sich Langzeitschäden vermeiden.

• Enge Kooperation verschiedener Disziplinen erforderlich


Zu 4:

• Bereitstellung von wissenschaftlich überprüften Instrumenten zur zuverlässigen Beurteilung des Entwicklungsstandes eines Kindes.

• Entwicklung eines differenzierten Diagnosesystems.

• Verstärkte Bemühungen, die Entstehung von frühen Störungen zu erforschen.

• Durchführung von Längsschnittstudien zur Beurteilung der Prognostizität frühkindlicher Symptome von Störungen für die weitere Entwicklung.

• Entwicklung von gezielten Behandlungskonzepten für abgrenzbare Störungsbilder (gilt insbesondere für nicht körperliche Bereiche).



Fragen zum Kapitel 5


1. Welche sind Entwicklungsaufgaben im Kindergarten- und im Grundschulalter?

2. Welche kindlichen Merkmale stehen mit einem gelungenen Übergang in die Schule im Zusammenhang?

3. Wie wirken Risikofaktoren?

4. Nach welchen Kriterien wird altersangemessenes von altersunangemessenem Verhalten bei Kindern unterschieden?

5. Wie viele Kinder sind im Kindergarten- und Grundschulalter von emotionalen oder Verhaltensstörungen betroffen?


Antworten zu den Fragen aus Kapitel 5

Zu 1: Die Entwicklungsaufgaben im Kindergartenalter bilden die raschen Fortschritte der (neuro-)biologischen Entwicklung ab, die mit einer deutlichen Ausbildung exekutiver Funktionen, das heißt besonders der Selbstregulation, Verhaltenskontrolle, Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit einhergehen. Diese sind notwendig für eine weitere verbale und kognitive Ausdifferenzierung, der Zunahme an Selbstständigkeit und die Integration in die Gleichaltrigengruppe. Gleichzeitig müssen Kinder in diesem Alter wichtige Regeln für das Miteinander erlernen sowie Grenzen und Normen akzeptieren und einhalten. Bewältigt ein Kind diese Entwicklungsaufgaben nicht, ist es nur schwer in der Lage, am Gruppengeschehen im Kindergarten teilzunehmen.

Zu 2: Neben den schulbezogenen Fähigkeiten im Bereich Kognition und Sprache sind ebenfalls eine gute körperliche Entwicklung und sozial-emotionale Kompetenzen wie die Selbstregulationsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit und Selbstständigkeit sowie die Motivation (Offenheit und Neugierde für Lernerfahrungen) wichtig. Sie tragen dazu bei, dass Kinder die Fähigkeiten haben am Schulunterricht teilzunehmen und auch daraus zu lernen. Fehlen diese Kompetenzen, geht dies mit Leistungsproblemen (z.B. beim Lesen und Rechnen) sowie mit einer ungünstigen sozial-emotionalen Entwicklung einher.

Zu 3: Risikofaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Entwicklungsabweichungen und sie treten selten isoliert auf. Ein Risikofaktor erhöht die Wahrscheinlichkeit dafür, dass weitere Risikofaktoren vorliegen. Dabei kann ein Risikofaktor ursächlich einen anderen bedingen (z.B. Rauchen während der Schwangerschaft führt zu einem geringen Geburtsgewicht). Risikofaktoren sind miteinander vernetzt und können sich gegenseitig negativ beeinflussen. Besonders ungünstig wirkt sich eine Häufung von Risikofaktoren auf die kindliche Entwicklung aus. Vor diesem Hintergrund entwickelten Rutter und Kollegen (1975) den Adversity Index.

Zu 4: Man spricht dann von einer Entwicklungsabweichung, wenn ein Problemverhalten in einer erhöhten Frequenz, Intensität und Dauer auftritt, es in mehr als einem Lebensbereich und einer sozialen Beziehung beobachtbar ist und die zukünftige Entwicklung beeinträchtigt.

Zu 5: Die Pävalenzen psychischer Störungen im Kindergarten- und Grundschulalter unterscheiden sich nicht wesentlich. Insgesamt wird von einer Rate von 10 bis 20 % betroffener Kinder ausgegangen. Die häufigsten Störungen stammen aus dem Formenkreis der externalisierenden Verhaltensprobleme, besonders aggressiv-oppositionelles Verhalten.



Fragen zum Kapitel 6


1. Wie definieren sich Entwicklungsaufgaben?

2. Welches sind die zentralen Entwicklungsaufgaben im Jugendalter?

3. Was sind die Annahmen über den Zusammenhang zwischen alterstypischen Entwicklungsaufgaben im Jugendalter sowie Entwicklungsrisiken und -abweichungen?

4. Wie lässt sich die Symptomgenese jugendlicher Entwicklungsabweichungen beschreiben und erklären?

5. Was schützt Jugendliche davor, verhaltensauffällig zu werden?


Antworten zu den Fragen aus Kapitel 6

Zu 1: Entwicklungsaufgaben stellen Anforderungen dar, die im Verlaufe bestimmter Lebensphasen zu bewältigen sind. Dabei stellen sich diese erstens aufgrund biologischer Prozesse ein, zweitens gibt es Aufgaben, die einer Person durch gesellschaftliche Erwartungen erwachsen, und drittens wurzeln Entwicklungsaufgaben in persönlichen Zielsetzungen und Werten. Die erfolgreiche Bewältigung von Entwicklungsaufgaben führt zu persönlicher Zufriedenheit und Glück, die nicht erfolgreiche zu Unzufriedenheit und sozialem Druck.

Zu 2: Fasst man die zentralen Entwicklungsaufgaben des Jugendalters zusammen, dann sind das erstens die Entwicklung einer kognitiven und sozialen Kompetenz, um eigenverantwortlich schulische und später berufliche Anforderungen zu erfüllen mit dem Ziel, eine berufliche Erwerbsarbeit aufzunehmen und dadurch eine ökonomische Grundlage für die selbstständige Existenz zu sichern. Zweitens wäre dies die Entwicklung eines inneren Bildes von Geschlechtszugehörigkeit, worunter das Akzeptieren der veränderten körperlichen Erscheinung, der Aufbau sozialer Bindungen zu Gleichaltrigen des eigenen und des anderen Geschlechts sowie der Aufbau einer intimen Partnerbeziehung fallen. Drittens ist es die Entwicklung selbstständiger Handlungsmuster zur Nutzung des Konsumwarenmarktes, was auch den kompetenten Umgang mit Medien wie die Fähigkeit zum Umgang mit Geld umfasst. Viertens wäre die Entwicklung eines Werte- und Normensystems sowie eines moralischen Bewusstseins anzuführen, sodass eine verantwortliche Übernahme gesellschaftlicher Rollen möglich wird.

Zu 3: Entwicklungsabweichungen liegen vor, wenn bestimmte Entwicklungsstandards nicht erreicht werden oder Entwicklungsaufgaben nicht bewältigt werden können. Abweichungen ergeben sich aus der mangelnden Passung zwischen den Entwicklungszielen eines Jugendlichen, seinen Entwicklungspotenzialen, den Entwicklungsanforderungen im familiären, schulischen und subkulturellen Umfeld sowie den Entwicklungsangeboten in seiner Umwelt. Phänotypisch können sich diese Passungsprobleme in sehr unterschiedlichen Verhaltensauffälligkeiten äußern.

Zu 4: Resch et al. (1999) konzeptualisieren die Symptomgenese über ein Entwicklungsmodell der Persönlichkeit, bei dem Stadien der Symptomgenese sowie einer adaptiven stabilisierenden Entwicklung zentral sind. Ein Jugendlicher bringt über genetische Muster sowie biologische und psychosoziale Entwicklungseinflüsse eine bestimmte psychische Struktur als Disposition mit, die im Spannungsfeld der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben und Lebensereignissen auf die Probe gestellt wird. Ist die psychische Struktur vulnerabel und steht der Jugendliche unter dem Druck, sowohl bestimmte Entwicklungsaufgaben zu bearbeiten als auch sich mit aktuellen kritischen Lebensereignissen auseinander zu setzen, können sich abweichende Entwicklungsmuster ergeben.

Zu 5: Resiliente Jugendliche können mindestens eine Person im weiteren familiären Umfeld nennen, die sie wirklich achten und sie haben Eltern, die ihnen emotionale Wärme und Unterstützung entgegenbringen, ihnen klare, aber flexible Grenzen setzen und ihre Autonomie fördern. Darüber hinaus verfügen sie über ein stabiles Netzwerk von Verwandten, Freunden und Nachbarn, bei denen sie Trost und Unterstützung holen können. Sodann verfügen sie (im Falle von Jungen) über ein männliches Familienmitglied, das ihnen als Identifikationsmodell dient und (im Falle von Mädchen) über eine weibliche Fürsorgeperson, die für sie da ist.



 

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