Lehrbuch der Persönlichkeitspsychologie

Verständnisfragen zum 6. Kapitel


Frage 1

Was versteht man unter vorbegrifflichen Motiven und Emotionen?


Antwort zu Frage 1

Vorbegriffliche Motive und Emotionen entstehen in einer Entwicklungsphase des Vorschulalters, in der Wörter noch nicht die für das Denken der Erwachsenen klar abgrenzbaren Begriffe bezeichnen, welche durch mehr oder weniger eindeutige Listen von Merkmalen definiert sind. Stattdessen bezeichnen Wörter in der vorbegrifflichen Phase große Assoziationskomplexe von Bildern, Einzeleindrücken, Gedanken, Gefühlen, Absichten und Handlungen. Solche Erfahrungsnetzwerke verleihen dem Handeln motivationale Qualitäten wie Entdecken von bedürfnisrelevanten Gelegenheiten, Energetisierung, Zielgerichtetheit, Ausdauer und Verwertung von Rückmeldungen des bedürfnisrelevanten Verhaltsens. Dadurch geben sie dem Handeln eine enorme Flexibilität und kreative Gestaltungsdynamik: Die vorbegrifflichen Assoziationsnetzwerke machen viele emotionale Erfahrungen aus einer enormen Zahl bedürfnisrelevanter Episoden verfügbar, sodass einem auch bei Misserfolgen ständig wieder etwas Neues einfällt und man so schnell nicht aufgibt.



Frage 2

Warum misst man vorbegriffliche („präverbale“) Motive ausgerechnet mit einem sprachabhängigen Test wie dem TAT oder dem PSE?


Antwort zu Frage 2

Vorbegriffliche Erfahrungsnetzwerke können natürlich durchaus auch das beeinflussen, was Erwachsene in Sprache ausdrücken: Metaphern und Metanomien sind auch sprachlich, wenn auch nicht gerade Beispiele für die strenge begriffliche Verwendung der Sprache. Der TAT ist aber so aufgebaut, dass das, worüber erzählt wird, nicht einseitig von den begrifflichen Selbsteinschätzungen abhängt (z.B. „Bin ich mehr an Leistung oder mehr an Beziehungen interessiert?“), sondern von dem Einfluss der vorherrschenden eigenen Bedürfnisse und Emotionen auf die deutende Wahrnehmung (Apperzeption) einer mehrdeutig interpretierbaren Situation. Deshalb werden in neueren Motivtests (z.B. im PSE-Auswertungsschlüssel von David Winter) auch gar nicht mehr alle Facetten der erzählten Geschichte, sondern nur noch das Motivthema ausgewertet, das der Erzähler in seiner Geschichte lebendig werden lässt. Das erzählende (narrative) Format des TAT und des PSE gewährleistet, dass auch ohne begriffliche Reflexionen über die zu den Bildern erzählten Geschichten, eine höhere (eben die vorbegriffliche) Ebene des motivationalen und emotionalen Erlebens erreicht wird (die Ebenen 1 bis 3 haben noch nicht die kognitive Differenzierung, die für das Erzählen von Geschichten notwendig ist).



Frage 3

Warum kann ein „inkonsistenter“ Test brauchbare (valide) Vorhersagen über z.T. Jahrzehnte später beobachtete Verhaltensphänomene liefern?


Antwort zu Frage 3

Zunächst wissen wir nur, dass dies empirisch nachgewiesen (z.B. McClelland et al., 1989) und theoretisch möglich ist (Atkinson, 1981), auch wenn es der Klassischen Testtheorie zu widersprechen scheint. Warum ein Test langfristige Vorhersagen machen kann, obwohl er schon während der Testung inkonsistente Ergebnisse liefert (z.B. in der ersten Testhälfte eine andere Motivstärke anzeigt als in der zweiten Testhälfte), wissen wir noch nicht. Statt aber voreilig den Test abzuwerten (dessen Validität ja wissenschaftlichen Kriterien genügt), sollten wir durchaus auch einmal bereit sein, die Angemessenheit der Testtheorie kritisch zu überdenken, zumal ihre Annahmen für die Motivmessung nicht plausibel sind. Man darf diese Situation durchaus als eine Herausforderung an die psychologische Methodenlehre betrachten, Testmodelle zu entwickeln, die der Psychologie des zu Messenden angemessen sind. Eine mögliche Lösung könnte in der Unterscheidung zwischen lokaler und globaler Konsistenz liegen: Das allgemeine (langfristig stabile) Niveau eines Prozesses ist möglicherweise auch dann bestimmbar, wenn er kurzfristigen Schwankungen unterliegt (wie es als Folge der Anregung und Befriedigung von Bedürfnissen auch während des Messens passieren kann): Wenn man über hinreichend viele schwankungsbehaftete Messungen mittelt, kann der stabile Trend erkennbar werden (Atkinson, 1981).



Frage 4

Nennen Sie mindestens drei Validierungskorrelate für jedes der drei am meisten untersuchten Motive.


Antwort zu Frage 4

Personen mit einem stark ausgeprägten Leistungsmotiv präferieren (im Vergleich zu niedrig Leistungsmotivierten) mäßig schwierige Aufgaben, haben eine größere Ausdauer, wenn sie bei nicht allzu schwierigen Aufgaben wiederholt versagen und lassen 10 Jahre nach Messung des Leistungsmotivs einen höheren beruflichen Erfolg (z. B. Verdienst) erkennen. Ein ausgeprägtes Machtmotiv geht einher mit einflussreichen Positionen (Zeitungsredaktion, Kommissionen) bzw. machtthematischen Berufen (Psychologe, Lehrer, Pfarrer), sozial auffälligem, riskanten Verhalten (z.B. früher Geschlechtsverkehr, Glücksspiele) und dem Besitz von Prestigeobjekten (z.B. schnelle Autos, Hausbar). Affiliationsmotivierte sind mehr an der Quantität als der Qualität von Beziehungen interessiert (häufiges Telefonieren, Briefe schreiben), präferieren Kontakte mit statushöheren Personen und suchen Kontakt eher dann, wenn sie sich in einer sicheren und freundlichen Umgebung fühlen, im Unterschied zu Begegnungsmotivierten (intimacy), die mehr auf die Qualität einer persönlicher Begegnungen achten (Blickkontakt, Gefühle austauschen etc.).



Frage 5

Wie funktionieren Methoden zur Messung vorbegrifflich verankerter Emotionen?


Antwort zu Frage 5

Abgesehen von der Messung solcher Emotionen durch ihr Auftreten in den Fantasiegeschichten des TAT kann man vorbegriffliche Emotionen durch implizite Tests messen, z. B. durch emotionales Priming oder dadurch, dass man Probanden bittet, den emotionalen Gehalt von „Kunstwörtern“ zu beurteilen (z.B. wie stark klingt das Kunstwort belnu nach „traurig“, wie stark könnte es eine fröhliche Stimmung ausdrücken?). In beiden Fällen lässt sich die Messmethode dadurch erklären, dass die Stimmung, Vorstellungen bzw. passende Emotionswörter aktiviert.



 

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