Lehrbuch der Persönlichkeitspsychologie

Kapitelübersicht


Kapitel 1

Einführung: Theoretische und methodische Grundlagen


Einleitung

In diesem Buch geht es um die Grundlagen des Erlebens und Verhaltens. Die Persönlichkeitspsychologie untersucht alle Prozesse, die das Erleben und Verhalten bestimmen, aus einer „ganzheitlichen“ Perspektive. Ganzheitlichkeit war in der Vergangenheit meist mit einer eher intuitiven Betrachtung verbunden, die sich der wissenschaftlichen Analyse weitgehend entzog. Heute kann dieser Begriff mit einer systemtheoretischen Position verknüpft werden: Die Systemtheorie analysiert alle wichtigen Prozesse ihres Gegenstandsbereichs als Ganzes. Erst durch die ganzheitliche Betrachtung ist es möglich, die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Prozessen ins Blickfeld zu rücken. In der Persönlichkeitspsychologie geht es vor allem um das Zusammenspiel von Kognition, Emotion und Motivation. In diesem Kapitel werden einige theoretische und methodische Grundlagen behandelt, die für eine ganzheitliche Betrachtung der Persönlichkeit besonders relevant sind. Dazu gehören auch diejenigen Grundkonzepte der Statistik, der Versuchsplanung und der Neurobiologie, die für die Persönlichkeitspsychologie von großer Bedeutung sind. Zunächst geht es aber darum, die Begriffe für diejenigen Prozesse zu definieren, deren Zusammenspiel die „Persönlichkeit“ eines Menschen ausmacht.

 

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Kapitel 2

Gewohnheiten: Assoziationslernen, Objektwahrnehmung und Verhaltenspriming


Einleitung

Wir beginnen die Reise durch die verschiedenen Ebenen der Persönlichkeit mit den Gewohnheiten. Es gibt Menschen, die sich sehr stark von Gewohnheiten leiten lassen oder gern das tun, was „man“ tut (sich z. B. an Trends, Moden oder Benimmregeln orientieren). Andere sind eher spontan, improvisieren lieber und lassen sich von ihren Augenblickslaunen leiten. Gewohnheiten sind die einfachsten Formen der Verhaltenssteuerung. Wer nach einer Gewohnheit handelt, braucht nur den passenden Reiz zu sehen oder zu hören, um die Handlung automatisch auszuführen. Die Tätigkeit braucht nicht einmal Spaß zu machen oder ein Bedürfnis befriedigen: Gewohnheiten führt man auch anreizunabhängig aus (z. B. wenn ein gedankenverlorener Steuerberater am Sonntag auf der Fahrt ins Grüne aus purer Gewohnheit plötzlich vor seinem Büro hält, obwohl es für ihn momentan überhaupt keinen Anreiz hat zu arbeiten). Natürlich können Gewohnheiten sich mit angenehmen oder unangenehmen Tätigkeiten oder Anreizen oder auch mit höheren Zielen und Sinnzusammenhängen verbinden (z. B. bei religiösen Ritualen). Aber solche Verbindungen sind nicht zwingend: Die „reine“ Gewohnheit funktioniert nach dem Schema der Reiz-Reaktions-Kopplung: Sobald ein passender Auslösereiz auftaucht, wird die Reaktion automatisch ausgeführt.

 

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Kapitel 3

Temperament: Impulsives Verhalten und Erregungsregulation


Einleitung

Jeder kennt Menschen, die vor Energie und Tatendrang kaum zu bremsen sind. Andere Menschen sind zurückhaltender und bedächtiger. Dabei fällt auf, dass der hohe oder niedrige Tatendrang einer Person oft nicht auf spezifische Situationen, Gegenstände oder Personen beschränkt ist, sondern global bei allen möglichen Gelegenheiten wirksam ist. In diesem Kapitel geht es um eine solche globale Verhaltensdeterminante, die auf kein spezifisches Ziel oder Bedürfnis ausgerichtet ist, sondern Emotionen und Verhalten ganz allgemein stark oder schwach energetisiert. Die Richtung des jeweiligen Verhaltens, also das angestrebte Anreizobjekt, das Ziel oder der Sinn einer Handlung, muss durch höhere Stufen der Verhaltenssteuerung bestimmt werden. Die globale Motivationsquelle verstärkt ziemlich „situationsblind“ die intuitiven oder automatisierten Handlungsroutinen, die im vorigen Kapitel behandelt wurden. Allerdings werden wir im jetzt folgenden Kapitel sehen, dass auch die globalen Motivationsquellen mehr leisten als situations- und ergebnisblinde Handlungsenergie zu liefern: Da das globale Erregungsniveau auch ansteigt, wenn Unbekanntes oder Unerwartetes auftaucht, beeinflusst es Neugier, Interesse und Explorationsverhalten. Dies ist darauf ausgerichtet, sich allzu Neues in der Umgebung so vertraut zu machen, dass das übersteigerte Erregungsniveau wieder auf ein angenehmes mittleres Niveau absinkt.

 

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Kapitel 4

Affekt und Anreizmotivation: Belohnung und Bestrafung


Einleitung

Im vorigen Kapitel haben wir einen Persönlichkeitsstil kennen gelernt, der durch einen ganz allgemeinen Tatendrang gekennzeichnet ist, ohne fest an bestimmte Objekte oder Reaktionen gebunden zu sein. Es gibt aber auch sehr aktive Menschen, deren Handlungsenergie nicht für alle möglichen Verhaltensweisen zur Verfügung steht, sondern die relativ spezifische und beständige Vorlieben und Abneigungen herausbilden. Spezifische Anreize werden durch positive bzw. negative Erfahrungen mit Objekten erlernt, die Bedürfnisse befriedigen bzw. frustrieren. Die (behavioristische) Lerntheorie verwendet an Stelle der Begriffe „positiver“ und „negativer Affekt“ die Bezeichnungen Belohnung und Bestrafung. Der Behaviorismus legte großen Wert darauf, die Begriffe so zu definieren, dass sie sich direkt auf offen Beobachtbares beziehen (d. h. operationalisierbar sind). Salopp gesagt: Affekte kann man nicht sehen, Belohnungs- und Bestrafungsreize durchaus.

 

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Kapitel 5

Stressbewältigung und Regression: Top-down- versus Bottom-up-Steuerung


Einleitung

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813–1855) machte sich in einer seiner Schriften Gedanken darüber, woran man eigentlich psychische Gesundheit erkennen könne: Warum halten wir einen Mann für nicht ganz „normal“, der durch die Stadt geht und immerzu ruft: „Bumm, die Erde ist rund“? Für den Verstand ist es auf Anhieb nicht unbedingt einzusehen, was daran nicht in Ordnung sein soll: Ist denn die Erde nicht rund? Was soll so verrückt daran sein, eine Tatsache auszusprechen, die eigentlich niemand in Zweifel zieht? Das Beispiel macht uns bewusst, dass es offensichtlich viele durchaus zutreffende Aussagen gibt, die wir aber außerhalb eines passenden Kontexts nicht verwenden sollten. Wenn ich mich beispielsweise im Geografieunterricht befinde und gefragt werde, warum wir nicht über den Horizont hinausschauen können, dann wäre der Hinweis auf die Kugelform der Erde vollkommen angebracht. In den meisten anderen Situationen sollte das unvermittelte Aussprechen dieses Wissens besser unterbleiben. Schon vor über 100 Jahren sind Neurowissenschaftler (wie z. B. Pawlow) auf den Gedanken gekommen, dass die Hauptaufgabe der Hirnrinde (Neocortex) darin besteht, Unpassendes zu hemmen. Diese Form der Hemmung geht von stammesgeschichtlich neueren, „höheren“ Systemen des Gehirns aus und kann ältere und einfachere Systeme (wie z. B. automatisierte Gewohnheiten) blockieren: man spricht daher von Top-down-Steuerung („von oben nach unten“). Wenn die – auch als Progression oder progressiv, also „fortgeschritten“, bezeichnete – Top-down-Steuerung ihrerseits gehemmt wird (was häufig die Folge von Stress ist), wird das seit Freud Regression („Zurückfallen auf Früheres“) genannt, hier also ein Zurückfallen auf die Bottom-up-Steuerung („von unten nach oben“). In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind besonders große Fortschritte in der neurobiologischen Erklärung der an der Regression beteiligten Prozesse erzielt worden. In diesem Kapitel geht es daher vor allem um die stressbedingte Hemmung der Top-down-Steuerung (weshalb die neurobiologischen Grundlagen der Stressverarbeitung besonders ausführlich behandelt werden sollen).

 

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Kapitel 6

Motive: Erfahrungsnetzwerke und Bedürfniskerne


Einleitung

In der Alltagssprache sprechen wir von einem Motiv, um den Beweggrund des Handelns oder das, worum es in einem Bild geht, zu beschreiben. Wenn Kriminalisten eine Straftat aufklären wollen, versuchen sie, das Tätermotiv zu erschließen. Wenn man das bezeichnen will, was ein Bild als Ganzes ausdrückt, spricht man von einem Motiv (z. B. einem Herbstmotiv). In beiden Fällen bezeichnet das Motiv nicht eine isolierte  Einzelheit, sondern ein ganzes Muster von Einzelheiten, welches das Handeln bzw. Erleben prägt. Dabei muss das Motiv dem Täter bzw. Betrachter nicht bewusst werden. Bei Tätern unterscheidet man zwischen niederen und höheren Motiven (z. B. Raubmord vs. Tötung auf Verlangen). Auch motivationspsychologisch können „höhere“ und „niedere“ Motive unterschieden werden. Hier sind dann mit höheren Motiven nicht sozial eher akzeptable, sondern Beweggründe gemeint, die durch höhere Systemebenen zustande kommen (von denen vielleicht öfter sozial akzeptable Beweggründe gespeist werden als von den unteren Systemebenen). Die Motivationsforschung beschreibt mit dem Motivbegriff fast ausschließlich „höhere“ Motive, und zwar auf mindestens drei Ebenen: Motive können, auf der ersten der drei höheren Ebenen, gespeist werden aus weitgehend vorbegrifflichen Erfahrungen. Auf einer zweiten Ebene kommen sie durch begrifflich explizierbare kognitive Erwägungen zustande (z. B. über Chancen, Risiken und mögliche Folgen des Handelns). Schließlich können Motive auch aus einer Prüfung der Vereinbarkeit der betreffenden Handlung mit dem integrierten Selbst gespeist werden (z. B. der Vereinbarkeit mit eigenen und fremden Bedürfnissen und Werten).

 

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Kapitel 7

Sinn und Ziele: Kognitive Quellen der Handlungssteuerung


Einleitung

Was Menschen tun und was sie erleben, hängt auch von dem ab, was und wie sie denken. Solche „höheren“, bewussten Kognitionen reichen von den Deutungen und Konstrukten, mit denen sie den Geschehnissen in ihrem Leben Sinn und Bedeutung geben, bis hin zu den Zielen, die sie verfolgen. Während Motive (im engeren Sinn) noch recht nahe bei den elementaren, vorbegrifflichen Determinanten des Verhaltens liegen (z. B. bei bildlichen Erinnerungen an bedürfnisrelevante Erfahrungen), erweitert die Ebene höherer kognitiver Prozesse den Blick für bewusste und rationale Gestaltung des Handelns. Bevor wir allerdings eine solche Gestaltung des Handelns im Einzelnen untersuchen können, wird zunächst einmal zu klären sein, was mit „Bewusstsein“ gemeint ist. Und bevor wir auf empirische Untersuchungen zur Auswirkung von Zielen auf die Handlungssteuerung näher eingehen, muss geklärt werden, wie sich Ziele von den im vorigen Kapitel behandelten vorbegrifflichen Motiven und von den im nächsten Kapitel zu untersuchenden „Absichten“ unterscheiden.

 

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Kapitel 8

Selbststeuerung: Ich und Selbst


Einleitung

In einem Unternehmen oder in einem Staat ist die höchste Organisationseinheit eine Art Führungszentrale, in der alle Fäden zusammenlaufen. Der griechische Philosoph Platon hat in seinem Werk über den idealen Staat (Politeia) die „Gerechtigkeit“ als eine der wichtigsten Merkmale eines guten Staatswesen hervorgehoben. Was er unter Gerechtigkeit verstand, scheint auf den ersten Blick wenig mit dem zu tun zu haben, was wir heute mit diesem Begriff meinen: Gerechtigkeit herrscht nach Platon in einem Staat, wenn eine Aufgabe immer denjenigen Bürgern übertragen wird, die sie am besten erledigen können. Wenn man diese Vorstellung auf die Psyche überträgt, ergibt sich eine sehr fortschrittliche Beschreibung dessen, was wir im Alltag mit „Wille“ und in der wissenschaftlichen Psychologie mit „Selbststeuerung“ bezeichnen:  Selbststeuerung lässt sich als eine Art Führungszentrale auffassen, deren Aufgabe darin besteht, bei jeder Aufgabe, die nicht durch eine automatisch abrufbare Verhaltensroutine erledigt werden kann, immer diejenigen psychischen Funktionen oder Systeme aufzurufen (und zu koordinieren), die für die aktuelle Aufgabe am besten geeignet sind. Das erinnert an die im vorigen Kapitel erwähnten neurophysiologischen Befunde, die zeigen, dass bei Personen mit hohem IQ weniger Hirnregionen (offensichtlich „die besten“) an der Bearbeitung einer Aufgabe beteiligt sind als bei Personen mit  niedrigem IQ. (Kap. 7.2.5.2, S. 332).

 

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Kapitel 9

Integration und Ausblick


Einleitung

Im Einleitungskapitel wurden die verschiedenen Systemebenen der Persönlichkeit an einigen Beispielen veranschaulicht. Wenn z. B. ein Schüler sehr motiviert arbeitet, würden die verschiedenen Persönlichkeitstheorien, die in diesem Buch behandelt wurden, ganz unterschiedliche Erklärungen anbieten. Skinner würde lerntheoretisch mit den guten Lerngewohnheiten argumentieren, Eysenck das angeborene Erregungsniveau („Temperament“) ins Spiel bringen (Vielleicht stürzt sich der Schüler ja aufs Lernen, weil er sich sonst unterstimuliert fühlt?). Gray würde vielleicht vermuten, dass der Schüler eine hohe Sensibilität für Belohnung hat und bei ihm dadurch schon nach einigen positiven Erfahrungen mit dem Lernen (z. B. Lob durch den Lehrer) positive Affekte auf „Lernen“ konditioniert sind. Wir haben auch die Theorien kennen gelernt, die Erklärungen mehr auf höheren Systemebenen suchen, etwa in einem starken Leistungsmotiv, in entsprechenden Zielen (die dem Schüler z. B. von seinen Eltern nahe gelegt wurden) oder sogar in einer selbstkongruenten Identifikation mit dem Lernen, die dem Schüler hilft, dabei verschiedene selbstregulative Strategien einzusetzen). In diesem Kapitel wollen wir die verschiedenen Erklärungsansätze vergleichen und untersuchen, ob sie wirklich entweder unverbunden nebeneinander stehen bleiben oder miteinander konkurrieren müssen. Könnten nicht alle ein Stück der Wahrheit enthalten? Könnte es sein, dass das Erleben und Handeln aus mehreren Quellen gespeist wird, manchmal aus dem Temperament, manchmal aus dem Affekt und wiederum ein anderes Mal aus Motiven, aus Zielen oder aus dem Selbst? Können diese verschiedenen Einflussebenen nicht sogar gleichzeitig wirksam sein? Und schließlich: Gibt es nicht auch Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Systemebenen?

 

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