Sozialpsychologie – Interaktion und Gruppe

Kapitelübersicht


Kapitel 1

Der wichtige andere: Soziale Vergleichsprozesse und relative Deprivation


Zusammenfassung

Vergleiche mit anderen wirken sich entscheidend darauf aus, wie man sich einschätzt, was man fühlt und was man tut. Dabei können sich sowohl Vergleiche zwischen dem Selbst und anderen Individuen, als auch Vergleiche zwischen der Eigengruppe und Fremdgruppen auswirken.

Vergleiche dienen sowohl dazu, sich selbst besser einzuschätzen, als auch seinen Selbstwert zu steigern oder sich zu motivieren. Je nach Ziel werden unterschiedliche Vergleichsstandards ausgewählt. Ähnliche Standards helfen bei der Selbsterkenntnis, Vergleiche mit schlechteren Standards können den Selbstwert heben und Vergleiche mit besseren Standards können motivieren.

Vergleiche sind oft notwendig, um bestimmte Aussagen (wie z. B. „Anne ist schnell“) zu verstehen. Um Vergleiche effizient durchführen zu können, werden teilweise bestimmte Standards (Routinestandards) immer wieder verwendet.

Die Selbsteinschätzung kann durch Vergleiche an den Standard angenähert oder aber davon kontrastiert werden, je nachdem, ob man zwischen dem Selbst und dem Standard nach Ähnlichkeiten oder nach Unterschieden sucht.

Schneidet man im Vergleich zu anderen schlecht ab, so ist das insbesondere dann selbstwertbedrohlich, wenn die Vergleichsdimension für das Selbst wichtig ist und der andere einem nahesteht. Empfindet man die Dimension als weniger wichtig, so kann sich der Erfolg einer nahestehenden Person sogar positiv für das Selbst auswirken. Personen können die Bedrohung eines Vergleichs reduzieren, indem sie die eigene Leistung verbessern oder versuchen, eine gute Leistung des anderen zu verhindern. Sie können sich von der Person distanzieren, die Vergleichsdimension wechseln oder zumindest die Wichtigkeit der Vergleichsdimension herabsetzen.

Schneidet man selbst im Vergleich zu anderen Individuen oder die Eigengruppe im Vergleich zu Fremdgruppen schlecht ab, so kann dies zum Gefühl der Unzufriedenheit führen. Dies geschieht insbesondere dann, wenn man erwartet, besser abzuschneiden, oder denkt, dass man, wenn es fair zugegangen wäre, besser abgeschnitten hätte.

Diese Unzufriedenheit kann dazu führen, dass man sich an sozialem Protest beteiligt oder versucht, mit kollektivem Handeln die Situation zu ändern. Dies ist insbesondere der Fall, wenn die Eigengruppe im Vergleich zu Fremdgruppen schlecht abschneidet und man sich stark mit der Eigengruppe identifiziert.

Auch wenn man im Vergleich zu anderen gut abschneidet, kann dies negative Gefühle nach sich ziehen, wenn man diesen Vorteil als unverdient erlebt.


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Kapitel 2

Antisoziales Denken, Fühlen und Handeln


Zusammenfassung

Antisoziales Verhalten ist ein vielfach beobachtbares Verhalten im alltäglichen Leben. Begrifflich lassen sich verschiedene Aspekte differenzieren. Als deviant sind solche Verhaltensweisen zu bezeichnen, die von expliziten oder impliziten sozial geteilten Normen abweichen; darunter wird delinquentes oder kriminelles Verhalten als solches bezeichnet, welches (straf-)rechtliche Regeln verletzt. Aggressive Verhaltensweisen sind solche, welche in der Absicht ausgeführt werden, einem anderen zu schaden, d. h. die zugrunde liegende Motivation ist definierend, nicht die Verhaltenskonsequenz.

Bei aller Heterogenität der vorgestellten Erklärungsansätze wird deutlich, dass eine Erklärung antisozialen Verhaltens nur im Rahmen eines integrativen bio-psycho-sozialen Ansatzes gelingen kann. Dabei finden individuelle biografische Erfahrungen, persönliche Ressourcen und biologische Voraussetzungen ebenso Berücksichtigung wie aktuelle Verhaltensoptionen und situationale Bedingungen. Deren Zusammenspiel vollzieht sich vor dem Hintergrund und in Auseinandersetzung mit dem weiter gefassten sozialen Kontext zur Aktual- und Ontogenese antisozialen Verhaltens.

Die Beobachtung zweier unterschiedlicher Entwicklungsstränge antisozialen Verhaltens verweist auf die Notwendigkeit differenzieller Erklärungen, welche über die Erklärung des aktuell gezeigten antisozialen Verhaltens hinausgehen. Zum einen gilt es, die Kontinuität antisozialen Verhaltens bei einem sehr kleinen Teil der Bevölkerung zu erklären, demgegenüber birgt die jugendtypische Delinquenz das Erfordernis der Erklärung der Diskontinuität.

In Hinblick auf die Durchführung von Präventions- und Interventionsmaßnahmen legt diese Perspektive insbesondere möglichst früh einsetzende Präventions- und Interventionsmaßnahmen nahe, um einer potenziellen Persistenz antisozialen Verhaltens entgegenzuwirken. Entsprechend ist bei der Bestrafung von delinquentem Verhalten der Entwicklungsverlauf des Täters in die Bestrafung einzubeziehen.


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Kapitel 3

Soziale Motive: Prosoziale Motivation


Zusammenfassung

Sich prosozial zu verhalten bedeutet, einer anderen Person intentional und freiwillig eine Wohltat zu erweisen. Die Frage, ob prosoziales Verhalten letztlich immer egoistisch motiviert ist oder ob es doch einen „wahren“ Altruismus gibt, wird in der Sozialpsychologie kontrovers diskutiert. Sowohl evolutionspsychologische Betrachtungsweisen als auch die Analyse von Kosten und Nutzen prosozialen Verhaltens legen nahe, dass prosoziales Verhalten immer dem Eigennutz dient. Demgegenüber wird in der „Empathie-Altruismus-Hypothese“ eine Unterscheidung zwischen Mitgefühl und Unbehagen als zwei möglichen Reaktionen auf das Unglück einer anderen Person vorgenommen. In einer Vielzahl von Untersuchungen mit Erwachsenen und Kindern wurden empirische Belege dafür erbracht, dass Mitgefühl zu einer altruistischen, Unbehagen jedoch zu einer egoistischen Motivation führt. Mitgefühl scheint somit ein zentrales Motiv für altruistisches Verhalten darzustellen.

Die Entwicklung prosozialen Verhaltens beginnt mit dem ersten Auftreten tröstender Reaktionen, die sich einige Monate nach dem ersten Geburtstag beobachten lassen. Der weitere Verlauf legt sowohl allgemeine als auch differenzielle Entwicklungsprozesse nahe.

Die unterlassenen Hilfeleistung in Notsituationen wird v. a. durch drei Faktoren erklärt: Verantwortungsdiffusion, pluralistische Ignoranz und Bewertungsangst.

Verantwortung und prosoziales Verhalten hängen auf zweierlei Weise miteinander zusammen: Zum einen kann die Attribution von Verantwortung beim Opfer zu einem Ausbleiben von Hilfe führen („selber schuld!“), zum anderen erhöhen Verantwortlichkeitsgefühle beim potenziellen Helfer die Wahrscheinlichkeit des Eingreifens.

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Kapitel 4

Positive Psychologie: Glück, Prosoziales Verhalten, Verzeihen, Solidarität, Bindung, Freundschaft


Zusammenfassung

In diesem Kapitel sind wir auf prosoziales Verhalten, Verzeihen, Solidarität, Bindung und Freundschaft als Komponenten der Positiven Psychologie eingegangen. Wir postulieren allerdings keine eineindeutigen kausalen Zusammenhänge zwischen der Verwirklichung von Verhaltensmustern, die die Positive Psychologie als Glücksfaktoren interpretiert, und der Lebenszufriedenheit. Die Wege zu größerer Lebenszufriedenheit sind vielfältig. Die Bereitschaft zu verzeihen ist z. B. keine notwendige und hinreichende Bedingung für Glück und Freude. Denn natürlich können auch Menschen glücklich sein, die sich schwer tun, ein Vergehen anderer zu verzeihen. Dennoch erleichtert die Herstellung von förderlichen Bedingungen für die Entwicklung des Verzeihens und die Bereitschaft, im täglichen Leben zu verzeihen, ein gutes Leben.

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Kapitel 5

Positive Psychologie: Zivilcourage, soziale Verantwortung, Fairness, Optimismus, Vertrauen


Zusammenfassung

In diesem Kapitel wurden positive Pole in Bereichen aufgezeigt, in denen aus der sozialpsychologischen Forschung sonst eher schlechte Nachrichten über menschliches Verhalten im sozialen Kontext verlauten: Zivilcourage, wo sonst weggeschaut wird, und soziale Verantwortung, wo sonst der Einzelne nur für sich alleine handelt, sind nicht nur im Verhaltensrepertoire von Individuen und Gruppen eindeutig zu verorten, sondern darüber hinaus auch förder- und trainierbar. Wenn Menschen sich fairer Behandlung gewahr werden, folgen viele positive und produktive Verhaltensweisen, wie unter anderem im organisationalen Kontext gezeigt werden konnte. Optimismus im Sinne von positivem Denken wirkt Depressionen entgegen, hat unter bestimmten Umständen förderliche Auswirkungen auf Gesundheit und Genesung und kann ebenfalls gelernt werden. Schließlich zeigt sich, dass Vertrauen – als Basis eines möglichst reibungslosen Zusammenlebens – ähnlich positive Auswirkungen auf Zusammenarbeit hat wie Gerechtigkeit und darüber hinaus eine wichtige Rolle bei der Lösung von Konflikten spielt.

Allgemein könnte man formulieren, dass es Aufgabe von Führung und Erziehung in einer Gesellschaft ist, Menschen dazu zu bringen, dass sie Akteure und nicht Beobachter sind, und dass sie Möglichkeiten haben, die Welt zu verbessern. Dies kann sich sowohl darauf beziehen, Ungerechtigkeiten zu reduzieren, als auch – im Sinne einer offenen, humanen Gesellschaft – global zu denken und lokal zu handeln.

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Kapitel 6

Soziale Interaktion


Zusammenfassung

Menschen stehen miteinander im sozialen Austausch und in wechselseitigen Abhängigkeiten. Sie versuchen, Interaktionen optimal zu gestalten, d. h. so, dass diese möglichst viele positive Konsequenzen nach sich ziehen und negative Konsequenzen vermieden werden. Was für die einzelnen Interaktionspartner optimal ist, hängt laut der sozialen Austauschtheorie vom Vergleichsniveau der entsprechenden Person sowie vorhandenen Alternativen ab. Die Interdependenztheorie bezieht zusätzlich die Präferenzen beider Interaktionspartner mit ein. Schließlich spielen auch fundamentale Motivationen der Beteiligten eine Rolle. Ein besonders beliebtes Beispiel für die Ergebnisse unterschiedlicher Motivationen in der Interaktion mit anderen ist das Gefangenendilemma.

In Interaktionen entstehen viele Unsicherheiten, die aus der Ungewissheit des Verhaltens des anderen sowie aus Informationsasymmetrien zwischen den Interaktionspartnern resultieren. Diese Unsicherheit (in Kombination mit der Motivationslage der Akteure) lässt Spielräume für eine unterschiedliche Interpretation des Verhaltens des anderen über Prozesse motivierter Kognition. Obwohl der Unsicherheit durch Anreiz- und Kontrollmaßnahmen zu begegnen versucht werden kann, ist dies nur begrenzt möglich. Daher ist der Aufbau von Vertrauen wesentlich für das Funktionieren einer Interaktion.

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Kapitel 7

Kommunikation


Zusammenfassung

Menschen senden und empfangen ununterbrochen Informationen von ihrer Umgebung. Dies geschieht sowohl innerhalb der interpersonellen Kommunikation wie auch im Rahmen der Massenkommunikation. Letztere unterscheidet sich von der ersteren darin, dass keine direkte Verständigung stattfindet; es werden vielmehr Informationen auf eine Vielzahl von Empfängern übertragen. Der Kommunikationsprozess kann mit der Lasswell-Formel sowie mit dem Sender-Empfänger-Modell von Shannon und Weaver (1949) beschrieben werden.

Neben verbalen Inhalten können auch nonverbale Information in Form von Mimik, Blickkontakt, Gestik oder Körperhaltung übermittelt werden. Auch wenn ein Sender gar nicht zu kommunizieren beabsichtigt, hat jedes Verhalten als nonverbale Information eine kommunikative Wirkung. Nach dem 4-Seiten-Modell von Schulz von Thun (1998) können übermittelte Informationen bis zu vier Botschaften umfassen: die Sachinformation, den Beziehungsaspekt, die Selbstoffenbarung sowie den Appell. Zu Kommunikationsstörungen kann es dann kommen, wenn die intendierte Botschaft nicht vom Empfänger gehört wird und wenn auf Seiten des Empfängers einseitige Hörgewohnheiten ausgebildet wurden.

Möchte ein Sender einen Empfänger überzeugen, ist es wichtig, dass der Empfänger die Argumente des Senders versteht. Um die Verständlichkeit zu erhöhen, kann der Empfänger auf unterschiedliche Aspekte bei der Übermittlung der Inhalte achten (z. B. kurze und prägnante Sätze, den „richtigen“ Kommunikationskanal wählen). Ferner kann der Sender als Strategie auch das „zweiseitige Argumentieren“ einsetzen, seine Selbstdarstellung steuern und versuchen, seine Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Entscheidend ist schließlich auch, dass der Sender den Empfänger nicht einengt, um Reaktanzeffekte zu vermeiden, sowie auf die Einhaltung der Fairnessdimensionen achtet.

Umfang und Tiefe der Informationsverarbeitung auf Seiten des Empfängers sind von unterschiedlichen Persönlichkeitseigenschaften abhängig. Nach dem Elaborations-Wahrscheinlichkeits-Modell von Petty und Cacioppo (1986) sind aber auch die Fähigkeit sowie die Motivation, sich mit den Informationen auseinandersetzen zu wollen, entscheidend, ob Informationen auf der zentralen oder der peripheren Route verarbeitet werden. Bei der Suche nach neuen Informationen und auch bei der Verarbeitung empfangener Nachrichten können Empfänger Verzerrungen unterliegen. So halten Personen standpunktunterstützende Argumente im Gegensatz zu widersprechenden Informationen grundsätzlich für glaubwürdiger, wichtiger und überzeugender.

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Kapitel 8

Führung


Zusammenfassung

Aus sozialpsychologischer Perspektive ist Führung in erster Linie ein Gruppenprozess. Dementsprechend versuchen neuere Ansätze in der Führungsforschung nicht mehr, Führungseffektivität auf ein einzelnes Merkmal (z. B. ein bestimmtes Persönlichkeitsmerkmal oder einen bestimmten Führungsstil) zurückzuführen. Vielmehr stehen mittlerweile die wechselseitigen Interaktionsprozesse von Personen-, Verhaltens- und Situationsvariablen im Mittelpunkt. Es kommt also nicht nur darauf an, wie Führungskräfte sind oder was sie tun, sondern auch darauf, wie dies von den Geführten wahrgenommen wird und welchen Erwartungen und Einschränkungen die Führungskraft beispielsweise durch die sozialen Normen der Gruppe unterliegt. Neuere sozialpsychologische Ansätze zum Thema Führung gehen entsprechend davon aus, dass der Einfluss, der von Führungskräften auf Geführte ausgeübt wird, nicht so sehr auf Belohnungs- oder Bestrafungsmacht basiert, sondern vielmehr auf Identifikationsprozessen beruht: Effektive Führungskräfte formen und transformieren die Identität der geführten Gruppe, erscheinen dadurch prototypisch für die Gruppe und bringen die Geführten dazu, sich mit der Gruppe und der gemeinsamen Vision zu identifizieren und die Gruppennormen zu internalisieren. Im Kern muss es effektiven Führungskräften gelingen, dass die Geführten die Gruppeninteressen vor ihre jeweiligen individuellen Interessen stellen. Um dies zu erreichen, müssen Führungskräfte überzeugend sein, also z. B. visionär und charismatisch. Die Geführten wiederum müssen überzeugt sein, dass die Führungskräfte im Interesse der Gruppe und nicht etwa im Eigeninteresse handeln, was diese beispielsweise dadurch signalisieren können, dass sie zum Wohl der Gruppe persönliche Opfer bringen.

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Kapitel 9

Die Gesellschaft in uns: Wie soziale Normen, soziale Rollen und sozialer Status unser Verhalten beeinflussen


Zusammenfassung

In diesem Kapitel ging es um die Frage, inwiefern menschliches Denken, Fühlen und Verhalten durch unsere soziale Umwelt determiniert ist. Wie wir gesehen haben, ist dies in hohem Maße der Fall. Wir tun vieles, weil bestimmte soziale Normen uns dies nahe legen. Diese Normen sind oftmals an bestimmte soziale Rollen gekoppelt – so wird es z. B. einem kleinen Kind nachgesehen, wenn es in einem Restaurant nicht mit Messer und Gabel isst, seinen Eltern hingegen nicht. Ferner wird unser Verhalten auch von unserem eigenen sozialen Status und dem unserer Interaktionspartner beeinflusst. Insofern wirkt unsere soziale Umwelt oft wie eine Bürde und ein Gefängnis für uns. Wie Jean Paul Sartre einmal formulierte: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Und oft genug trifft dies wohl auch zu. Andererseits hat aber auch Wilhelm von Humboldt Recht, der einmal sagte: „Im Grunde sind es doch Verbindungen mit Menschen, welche dem Leben seinen Wert geben.“ Dieses Kapitel hat gezeigt, dass diese „Verbindungen mit Menschen“ immer auch dadurch bestimmt sind, in welchen sozialen Rollen wir handeln und welchen sozialen Status wir und unsere Interaktionspartner innehaben.

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Kapitel 10

Leistung in Gruppen


Zusammenfassung

Um die manifeste Leistung einer Gruppe im Hinblick auf den Beitrag von gruppenspezifischen Einflüssen beurteilen zu können, vergleicht man das Gruppenpotenzial mit der manifesten Gruppenleistung. Die Bestimmung des Gruppenpotenzials ist vom Aufgabentyp abhängig. Liegt die manifeste Gruppenleistung unterhalb des Gruppenpotenzials, sind in der Summe Prozessverluste aufgetreten. Wenn eine Gruppe mit ihrer gezeigten Leistung das Gruppenpotenzial übertrifft, haben überwiegend Prozessgewinne stattgefunden. Prozessverluste und Prozessgewinne können auf den drei Ebenen der Koordination, der Motivation und der individuellen Fertigkeiten vorliegen. Auf der Koordinationsebene sind bisher überwiegend Prozessverluste erforscht worden. Für Koordinationsgewinne existieren bisher noch keine eindeutigen empirischen Nachweise. Auf Seiten der Motivationsverluste wurden bisher soziales Faulenzen, Trittbrettfahren und der Trotteleffekt nachgewiesen; im Hinblick auf Motivationsgewinne kann es zu sozialer Kompensation, sozialem Wettbewerb und dem Köhlereffekt kommen. Individuelle Fertigkeitsverluste (kognitive Einschränkung) und individuelle Fertigkeitsgewinne (kognitive Stimulierung) durch Gruppenarbeit sind vergleichsweise selten nachgewiesen worden; Ausnahmen finden sich in der Forschung zum Brainstorming. Um die Leistung einer Gruppe systematisch zu fördern, sollte zunächst eine Analyse der Aufgabenstruktur erfolgen. Die Zusammensetzung der Gruppe sollte an die Aufgabenerfordernisse angepasst werden (z. B. heterogene Vorab-Meinungen bei Entscheidungsaufgaben), so dass Prozessgewinne gefördert werden. Zweitens sollten angemessene Synchronisierungsinstrumente zur Anwendung kommen (z. B. Sichtbarkeit der individuellen Beiträge gewährleisten oder den Arbeitsprozess der Gruppe strukturieren). Drittens sollte eine Gruppe in derselben Zusammensetzung wiederholt strukturell ähnliche Aufgaben bearbeiten, um Gruppenlernen zu fördern. Diese drei Ansatzpunkte des Managements der Gruppenleistung tragen zur Optimierung der Gruppenkoordination, der individuellen Motivation und der Stimulation von individuellen Fertigkeiten bei.

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Kapitel 11

Innovation


Zusammenfassung

Innovation ist die Entwicklung, Einführung und Anwendung neuer Ideen, von denen Anwender profitieren. Innovationen entstehen meist im Rahmen eines Prozesses. Dieser umfasst Phasen der Kreativität und Phasen der Implementierung. Individuelle innovative Kompetenzen wie das Erkennen von Defiziten, Kreativität und Persistenz sind dabei vor allem in der Phase des kreativen Prozesses wichtig. In der Phase der Implementierung sind die Überwindung von Widerständen und die Integration des neuen Wissens in die Organisation entscheidend. Auf Personenebene ist neben Persönlichkeitsmerkmalen (z. B. Offenheit für neue Erfahrungen, geringe Konventionalität) insbesondere das Ausmaß der intrinsischen Motivation maßgeblich für Innovativität. Auf Gruppenebene fördert ein innovationsfreundliches Teamklima, die externe Kommunikation, die wechselseitige Ergebnisabhängigkeit sowie ein der Innovationsphase angepasster Führungsstil Innovationen. Auf Organisationsebene sind eine entsprechende Organisationskultur, vorhandene Ressourcen, Unterstützung durch Promotoren und Management, abteilungsübergreifende Kommunikation und institutionalisierte Instrumente des Innovationsmanagements (z. B. Vorschlagswesen) wichtige Faktoren.

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Kapitel 12

Intergruppenbeziehungen


Zusammenfassung

Beziehungen zwischen Gruppen sind häufig gekennzeichnet durch negative Einstellungen und soziale Diskriminierung. Erklären kann man diese Phänomene durch Faktoren der Situation, Faktoren der Person und das Zusammenspiel situationaler und personaler Faktoren.

Zentrale situationale Theorien sind die Theorie des realistischen Gruppenkonflikts, d. h. negative Intergruppenbeziehungen entstehen aufgrund von Konflikten um begrenzte materielle Ressourcen, und die Theorie der relativen Deprivation, nach der man anderen Gruppen gegenüber negativ eingestellt ist, weil man seine eigene Gruppe gegenüber der anderen Gruppe als subjektiv benachteiligt wahrnimmt. Die Theorie der sozialen Identität baut auf den Befunden der minimalen Gruppenexperimente auf und erklärt soziale Diskriminierung mit dem Bedürfnis von Individuen, ihre eigenen Gruppen positiv von anderen Gruppen abzugrenzen, um dadurch das eigene Selbstbild aufzuwerten. Situationen mit häufigem Kontakt zwischen Gruppen führen in der Regel zu positiveren Einstellungen.

Ein dispositioneller Faktor ist zunächst geringe Bildung: Menschen mit geringer formaler Bildung haben stärkere Vorurteile gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen. Auch andere dispositionelle Faktoren wie Autoritarismus (d. h. eine stärkere Anpassung an Autoritäten und Normen) und Soziale Dominanzorientierung (d. h. eine Rechtfertigung von Hierarchieunterschieden zwischen Gruppen) führen in der Regel zu verstärkt negativen Einstellungen und Diskriminierung.

Selbstverständlich spielen außerhalb des  sozialpsychologischen Labors immer mehrere Faktoren eine Rolle, d. h. sie interagieren miteinander. Solche Wechselwirkungen wurden mit Blick auf die organisationale Praxis in drei Bereichen dargestellt: in Bezug auf ausländische Stellenbewerber, im Hinblick auf Diversität in Arbeitsgruppen und hinsichtlich der Auswirkungen von Identifikation und Intergruppenkontakt auf die Teamarbeit in Krankenhäusern.

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Kapitel 13

Wissenschaftstheorie und Psychologie: Einführung in den Kritischen Rationalismus von Karl Popper


Zusammenfassung

Das vorliegende Kapitel bietet eine Einführung in die Wissenschaftstheorie und konzentriert sich dabei auf den Kritischen Rationalismus, eine wissenschaftstheoretische Lehre Sir Karl Poppers. Dessen Grundgedanke ist, dass das Prinzip der Verifikation, wonach es Aufgabe der empirischen Wissenschaften ist, ihre Theorien als wahr zu beweisen, durch das Prinzip der Falsifikation ersetzt werden muss, d. h. Wissenschaftler sollen beständig versuchen, ihre Theorien zu widerlegen. Eine gute empirische Theorie zeichnet sich durch ihre prinzipielle Falsifizierbarkeit aus.

Jedoch finden sich gerade in den Sozialwissenschaften viele Theorien, zu denen es ihnen widersprechende experimentelle Ergebnisse gibt, ohne dass man die Theorie gleich aufgeben möchte. Hier kommen das Prinzip der Exhaustion ins Spiel sowie der Vergleich unterschiedlicher Theorien. Eine weitere Schwierigkeit in den Sozialwissenschaften ist das Fehlen von deterministischen Aussagen. Hier hängt es von dem Ermessen des Wissenschaftlers ab, wann er eine Theorie als widerlegt betrachtet.

Auf jeden Fall zeichnet Popper ein sehr anspruchsvolles Wissenschaftsbild. Es fordert vom einzelnen Wissenschaftler ein Höchstmaß an Reflexion und Kritikfähigkeit, sowie eine konstruktive Interaktion zwischen unterschiedlichen Wissenschaftlern.

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